[Interview] Auf dunklen Pfaden mit Peter Hohmann

Zum Erscheinen seines neuen Werkes Magier des dunklen Pfadss hat sich Peter ein paar Minuten für meine Fragen Zeit genommen. Was dabei rumgekommen ist, kann man hier nun nachlesen. Dabei viel Spaß!

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Hallo Peter,

danke, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Könntest Du Dich bitte einmal den Leserinnen und Lesern vorstellen?

Hallo, André. Dem komme ich gerne nach. Geboren, aufgewachsen und wohnhaft bin ich in Freising, wo ich an einem Gymnasium als Lehrer für die Fächer Sport und Englisch arbeite. Ansonsten bin ich bekennender Metal-Fan, Leseratte und spiele ab und an Schlagzeug. Und schreibe natürlich – was inzwischen mit weitem Abstand das meiste meiner Freizeit beansprucht. Da bin ich meiner Frau zu Dank verpflichtet, da sie meine Schreiberei akzeptiert und unterstützt.

Nun ist beim Begedia Verlag der erste Teil von „Magier des dunklen Pfades – Die Suche“ erschienen. Könntest Du bitte ein wenig mehr zu dem Werk erzählen?

Klar! Es geht um Lorgyn de Daskula, einen Magier, der seine schwer erkrankte Frau vor dem sicheren Tod retten will. Er ist sehr gewandt im Umgang mit der Arkanen Macht. Daher ist er fest entschlossen, das Unausweichliche abzuwenden. Dabei jedoch gleitet er zum einen in seelische Dunkelheit ab, zum anderen entfremdet er sich von seiner Frau. Sie braucht ihn, er jedoch ist besessen davon, den einen Zauber zu wirken, der sie rettet. Was das für ein Zauber ist, und was es mit dem Alten Bund auf sich hat, dem seine Eltern huldigten, das erzähle ich hier natürlich nicht, um Spoiler zu vermeiden.

Wie kam Dir die Idee zu dem Hintergrund?

Zunächst ging es mir nur darum, kein Epos zu schreiben mit dutzenden Königreichen und Fürstenhäusern, sondern etwas „Kleines“. Natürlich geht es am Ende doch um mehr, aber im Grunde dreht sich die Geschichte ja um nicht mehr als sechs, sieben Personen. So, das war der erste Gedanke: etwas „Kleines“, zumindest vom Setting her. Dann kam mir die Idee, dass Lorgyns Frau tödlich erkrankt ist und Lorgyn sie retten will. Da ich dann den Aspekt mit den „Heilthermen“ in Wintertal implementierte, zeigte sich recht schnell, dass es etwas mehr wird als ein auf Action und Spannung ausgelegter Unterhaltungsroman. Denn das Grundthema ist ja recht „schwere Kost“: Krankheit, Leid, Tod – und die Hoffnung auf Errettung. Irgendwie hat das Thema mich gefunden, nicht andersherum. Es mag damit zusammenhängen, dass ich – wie die meisten anderen Menschen wohl auch – mich vor nichts so fürchte wie vor einer schweren Krankheit. Diese Angst hat wohl einen Weg in den Roman gefunden – und ihn daher düsterer gefärbt hat, als meine Erzählungen ansonsten sind.

Kannst Du etwas mehr zu den Protagonisten erzählen?

Sicher. Bevor seine Frau Aluna erkrankte, war Lorgyn ein vom Glück Geküsster. Er war erfolgreich, seine Illusionszauber haben ihn sehr bekannt gemacht, so bekannt sogar, dass er sie einst am Hochzeitstag des Kaisers vor diesem zur Schau stellen durfte. Alles lief wie am Schnürchen. Dann wird Aluna krank, und seine Welt bricht zusammen. Da er das Wort „Rückschlag“ nicht kennt, setzt er alles daran, einen Weg zu finden, der sie vor dem sicheren Tod bewahrt. Dazu ist ihm alles recht. Er wird besessen davon, sie zu heilen, gleitet immer weiter ab, begeht Taten, zu denen er früher niemals in der Lage gewesen wäre. Er kann nicht aufgeben, nicht akzeptieren, dass der Tod gewinnt. Ich denke, Lorgyn ist eine Gratwanderung. Ich habe versucht, ihn einerseits als liebenswerten Charakter darzustellen, andererseits schonungslos zu zeigen, zu welchen Taten ein verzweifelter Mensch in der Lage ist. Er wandelt im nebulösen Grau moralischen Tuns. Letztendlich wird der Leser entscheiden, ob er Lorgyn verstehen kann, oder ob er sagt: „Was für ein niederträchtiger Mensch!“

Die Suche“ ist ja der erste Teil. Wie geht es weiter?

Ich möchte natürlich nicht allzu viel verraten, deswegen halte ich es allgemein: Die Schlinge um Lorgyn und Arlo zieht sich immer weiter zu, da die Iros-Kirche ihnen dicht auf den Fersen ist, und aus seiner Vergangenheit betreten Figuren die Bühne, die ihm nicht nur Gutes wollen. Überdies findet er die Wahrheit über seine Eltern heraus, die ihn bis ins Tiefste erschüttert. So, das reicht jetzt aber! 

Kommen wir mal ein wenig aufs Schreiben zu sprechen. Wie hast Du gemerkt, dass das etwas für Dich sein könnte?

Wie die Jungfrau zum Kind, kann man fast sagen. Es war so: Gegen Ende meines Englischstudiums hatte ich in den Semesterferien keine Seminararbeit oder dergleichen anzufertigen. Da das Staatsexamen näher rückte und ich nicht wollte, dass mein geschriebenes Englisch einrostet, dachte ich mir: „Mensch, schreib mal eine englische Geschichte. Das ist auf jeden Fall besser, als gar nichts zu tun.“ Aus der anfänglichen Kurzgeschichte wurden dann knapp 300 Seiten (fertiggestellt habe ich das Manuskript aber nie). Da ging mir auf: „Wow, das macht ja richtig Laune!“ Ich merkte allerdings, dass ich mich, egal wie sehr ich mich anstrenge, niemals mit einem „Native Speaker“ würde messen können. Daher schwenkte ich um und begann, Geschichten auf Deutsch zu schreiben. Durch Zufall lernte ich Alexander Wichert kennen, der damals für DSA und Shadowrun schrieb. Der nahm mich unter seine Fittiche. Ich lernte eine Unmenge bei ihm. Zusätzlich besuchte ich Schreibworkshops, kaufte mir Schreibratgeber, durchlief sozusagen das „Standardprogramm.“ Ich tippte eine Kurzgeschichte nach der anderen. Einige wurden für Anthologien ausgewählt, tja, und so ging es los. Irgendwann fühlte ich mich bereit, mich an einen Roman heranzuwagen. Eins führte zum anderen sozusagen. Ich habe es nie bereut. Inzwischen kann ich mir nicht mehr vorstellen, ohne die Schreiberei zu leben. Früher war es mein erklärtes Spiel, Profisportler zu werden. Heute ist es mein Ziel, ein guter Autor zu werden. Inwieweit das dann mit Erfolg korreliert oder nicht, wird sich zeigen. Auf jeden Fall macht es Spaß. Ich schreibe gerne. Ich poliere meine Texte sogar gerne auf. Selbst das finde ich toll. Ich habe mir sogar einen Grammatik- und Orthografie-Duden reingezogen. Dass ich das mal aus innerer Motivation heraus machen würde, hätte ich nie für möglich gehalten.

Was ist bis dato aus Deiner Feder erschienen?

Über dreißig Kurzgeschichten und ein Kurzroman, „Weißblatt“ mit Namen, mit dem ich 2009 eine Fantasy-Ausschreibung gewann, und der 2010 erschien. Schon seit längerem konzentriere ich mich mehr auf Romane und schreibe weniger Kurzgeschichten. Umso mehr freut es mich daher, dass die beiden Bände von „Magier des dunklen Pfades“ herauskommen. Im Frühjahr 2014 wird ein weiterer Roman veröffentlicht. Er heißt „Feywind“. Im Moment bin ich in regem Kontakt mit dem Verleger, um ein passendes Covermotiv zu finden. Sobald es da Konkreteres gibt, werde ich es natürlich bekanntgeben.

Du hast ja schon das eine oder andere Genre bearbeitet. Welches liegt Dir am meisten?

Das ist wirklich eine schwierige Frage. Wenn ich nach den Romanen gehe, hauptsächlich Fantasy und ein bisschen Urban Fantasy. Ich schreibe aber auch gerne Science-Fiction und dazugehörige Genres wie Cyberpunk. Bald wird auch eine Steampunk-Story von mir in einer Anthologie erscheinen, auf die ich mich schon sehr freue. Ich sage mal, ich kann mich eigentlich für alles begeistern, was dem Oberbegriff „Phantastik“ zugeordnet werden kann.

Hast Du schreibtechnisch ein Vorbild?

Ja. David Gemmell. Meiner Meinung nach gelingt es niemandem sonst, derart glaubwürdige Charaktere und mitreißende Stories zu schreiben. Natürlich ist in seinen Werken viel Pathos, viel Badassery, aber ihn lapidar als Sword-and-Sorcery-Autor abzutun, ist ungerechtfertigt. Leider ist er 2006 verstorben. Wer als Autor dazulernen möchte, wie man richtig gute Plots erschafft, wie man mit einfacher Sprache einen derartigen „Punch“ vermittelt, dass einem die Ohren wackeln, der sollte für mein Dafürhalten mal in David Gemmells Bücher reinschnuppern.

Was können wir in naher Zukunft noch von Dir erwarten?

Viel, hoffe ich.  Ich habe insgesamt an die 90 Kurzgeschichten und neben den drei Romanen „Weißblatt“, „Magier des dunklen Pfades“ und „Feywind“ noch 6 weitere, die auf eine Veröffentlichung warten (okay, einer davon ist mein Erstling, dem möchte ich eigentlich niemandem zumuten …). Zudem schreibe ich im Moment an einem neuen, bei dem ich momentan auf Seite 470 bin. Ideen habe ich genug. Nun, die Zeit wird es zeigen, wie und wohin es weitergeht. Ich überlege derzeit auch, es mit einem meiner Romane mal als „Indie-Autor“ via E-Book bei Amazon zu versuchen. Man wird sehen. Motiviert bin ich jedenfalls bis in die Haarspitzen.

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Zeilen gehören Dir!

Nachdem ich ja schon ganz schön viel geschrieben habe in diesem Interview, halte ich mich kurz: Liebe Leser, vielleicht kann euch dieses Interview ja dazu anspornen, es mal mit „Magier des dunklen Pfades“ oder einem anderen meiner Werke zu versuchen. Das würde mich sehr freuen. Bis irgendwann dann mal!

W E I T E R E   I N F O R M A T I O N E N

Magier des dunklen Pfades bei Begedia

Peter Hohmann @ Facebook

Peter Hohmann im Web

Media Monday #120

Über Greifenklaue bin ich letztlich über den wöchentlich stattfindenden Media Monday beim Medienjournla-Blog gestoßen. Nun wird es Zeit, an diesen auch mal teilzunehmen. Somit versuch ich mich einfach mal.

  1. Mit dem Talent und Einfallsreichtum eines Schriftstellers, würde ich mich wohl auch einmal an einem Roman versuchen. Aber die Tätigkeit als Herausgeber, z.B. Fieberglasträume, hat auch sehr viel Spaß gemacht.

  2. Buchmessen stoßen bei mir derzeit auf großes Interesse, auch wenn das Angebot an Rollenspielbüchern und Cyberpunk-Romanen gering ausfällt.

  3. der Tatort mit Schimanski, die alten, sind für mich, nicht nur aus Lokalkoloritsicht die besten. Schimanski hat damals einfach gerockt.

  4. Eine DSA-Rollenspielrunde wird mir nie mehr so gut gefallen wie beim ersten Mal, weil der Zauber verflogen / der Lack ab ist. Trotzdem erinnere ich mich gern an damalige Erlebnisse zurück, insbesondere wie unvoreingenommen man da noch war. Zum Glück hab ich auch wieder Systeme gefunden, die mich auch heute noch reizen! (Zitat von Greifenklaue, da das absolut zutreffend ist!)

  5. Am Beruf des Schauspielers stelle ich mir am schwierigsten vor, das Eintauchen in die entsprechende Rolle. Wie oft hat man schon gesehen, dass das nicht funktioniert hat. Dass die Besetzung falsch war bzw. der Schauspieler keine Lust auf die Rolle hatte und somit das Herzblut fehlte.

  6. Ein Autogramm ist auch nur trockene Tinte, wobei ich etliches signiertes hier in den Regalen stehen habe.

  7. Mein zuletzt gelesenes Buch war Scott Bradley: Blondinen, Blobs und Blaster-Schüsse von Andreas Winterer und das war genau mein Ding, weil ich selten so ein satirisches, überzogenes SF Buch gelesen habe.

[schreiben] Verkaufst Du Deine Seele?

Nein, keine Sorge, ich will sie nicht – habe mit meiner eigenen genug zu tun!

Aber das Seelenfänger RPG braucht Deine Unterstützung! Und wieder ein „Nein“. Es geht nicht um Geld, es geht um Dein Handwerk!

Gesucht werden Autorinnen/Autoren die „geschriebene Worte“, im Stile einer Kurzgeschichte oder eines Abenteuers beisteuern. Die Oberseele wird das ganze dann dem typischen Style anpassen und auf der offiziellen Webseite dem Spielevolk zur Verfügung stellen. Was die Zukunft aber bringt, vielleicht eine VÖ auf Papier, kann noch nicht genau abgeschätzt werden.

Wer weitere Informationen möchte, oder seine Seele zu verkaufen hat, wendet sich bitte an „kontakt [at] seelenfaenger-rpg.de“ . Weitere Informationen zum RPG findet man unter: http://www.seelenfaenger-rpg.de/

Info: Würfelheld Rezi vom Seelenfänger RPG

Weihnachtsbesorgungen 2070 – eine SR Kurzgeschichte von Jan-Tobias Kitzel

Beim stöbern auf meinen Datenträgern ist mir eine Shadowrun Weihnachtsgeschichte aus der Tastatur von Jan-Tobias Kitzel (www.jtkitzel.de) in die Hände gefallen. Diese hatte ich auch bereits letztes Jahr HIER veröffentlicht!

Ich möchte Euch diese nicht vorenthalten und hoffe sie gefällt!

Ein herzliche Dank nochmals an Jan-Tobias!

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Mickey rempelte sich durch die Menschenmenge in der Essener City. Gesichtslose Massen, die ihr „hart“ erarbeitetes Geld wieder den Konzernen in den Rachen warfen, um nutzlosen Tand zu kaufen. Tand, den er sich nicht leisten konnte.

Bindfäden regneten vom Himmel und spotteten den ARO-Werbeeinblendungen Hohn, die mit einer Bikinischönheit und Cocktails für eine spontane Reise in die Karibik warben. Als ob er dafür Geld über hatte. Die Luft war kalt, nass, ekelig. AROs wohin man schaute. Es gab kaum einen Grund, den Blick vom Boden zu heben, das Kinn tief eingegraben in den wärmenden Schal.

Mickey schüttelte unwillig den Kopf, zog den Kragen seines speckigen Wintermantels fester zu und nutzte die Ellbogen, um schneller durch das Meer an Metamenschen zu kommen, das die City verstopfte. Ein feiner Wollmantel links. Abgebogen, Hand ausgefahren, „unabsichtlicher“ Stolperer. Kollision mit dem Mantelträger. Ein verärgertes Schnauben. Gemurmelte Entschuldigungen, schnelles Untertauchen in der Menge. Eine Armbanduhr mehr, die er zu Geld machen konnte. Auch seine Kinder würden sich über Geschenke freuen.

Er klickte an seinem Kommlink herum und spielte Weihnachtsmusik auf seine AR-Brille mit Kopfhörern. Der X-Mas-Music-Feed spielte gerade die tausendste Coverversion von „White Christmas“, irgendein minderbegabter Trottel mit Mundharmonika dudelte seinen Mist dazu. Weihnachten war eine Parodie seiner selbst geworden.

I’m dreaming of a white Christmas
Just like the ones I used to know
Where the tree-tops glisten
And children listen
To hear sleighbells in the snow

***

Katze lachte auf und erntete dafür einen verständnislosen Blick von Steini, ihrem heldenhaften Beschützer, Messerklaue und aktuellem Betthupferl. Sie knuffte ihn in die Rippen, gab ihm das Zeichen von der AR abzublicken und sich wieder dem Hier und Jetzt zu widmen.

„Talentierter Eigentumsrelokalisator auf drei Uhr“. Sie kicherte und die Katze in ihr schnurrte zufrieden auf.

Steini hingegen scannte die Menschenmenge regelrecht, was bei seinen Cybermods der Wahrheit entsprach und blieb lediglich an den subtilen Überwachungskameras des Juweliergeschäfts gegenüber hängen.

„Nein, weiter links.“

Der Ork stand ein Stück von seinem Stuhl auf, um über den Milchglasbereich des Cafés zu blicken, in dem sie gerade saßen. Warm und geschützt vor dem Regen. Dann setzte er sich wieder und nickte zurück.

„Meinst sicher den Speckbengel. Abgewetzte Klamotten, dürr wie meine Klauen und zuckig, als ob er sich ein paar zuviele Beetles reingezogen hat.“

Katze strich ihrem Beschützer anerkennend über den Nacken, ließ wie zufällig dabei ihre Fingernägel über seine Haut kratzen, was ihm eine Gänsehaut einbrachte. Sie wusste genau, an welchen Knöpfen sie bei ihm drehen musste. Sie spürte, wie Katze in ihrem Inneren belustigt eine Augenbraue hob. Herrlich.

Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Juweliergeschäft. Das Objekt ihrer Begierde. Sozusagen ihr ganz persönlicher Weihnachtseinkauf. Und als exklusive „Kundin“ natürlich auch außerhalb der Geschäftszeiten und massig Rabatten. 100% und aufwärts. Sozusagen mit sofortiger Geld-zurück-Garantie. Auch bei Gefallen. Sie hätte fast wieder laut aufgelacht, nahm dann aber lieber einen Schluck des exzellenten Latte Macchiatto, der dampfend vor ihr auf dem Café-Tisch stand. Wie praktisch dieser Beobachtungsposten doch war. Warm, mit leckeren Getränken. Und direkt gegenüber von dem Ort, dem sie noch heute einen Besuch abstatten wollten. Sie sah kurz zu Steini rüber, doch der scannte weiterhin die Ladenfront, versuchte die Sicherheitsmaßnahmen abzuchecken. Überprüfte, ob die Infos, die sie über das Alarmsystem gekauft hatten, ihr Geld wert gewesen waren. Wenn nicht, sollte der Albaner lieber zurück in seiner Heimat sein. Sonst würde er ihre Krallen zu spüren bekommen.

Noch ein Schluck, der warm ihre Kehle hinunter ronn. Dann gab sie der Klaue das Zeichen, der wie beiläufig seinen Arm um ihre Schulter legte, woraufhin sie sich an ihn anlehnte. Und in den Astralraum verschwand, während ihr Körper wie bewusstlos – oder für den beiläufigen Kellner oder Gast schlafend oder schmusend – im Café zurück blieb. Ihre Astralgestalt glitt mühelos durch das Café. Sie sah dort aus wie auch in der realen Welt. Wenn man von den Mandelaugen und dem leichten Flaum auf der Haut absah. Und dem gestreiften Wesen, das auf ihrer Schulter schlief und beständig haarte.

Katze schwebte durch das Frontfenster auf die Straße hinauf, flog ein paar Meter empor und blickte auf das astrale Kuddelmuddel hinab, das die tausenden Menschen unter ihr im Astralraum hinterließ. Jede Aura fügte ihren ganz eigenen Geschmack der Anderswelt hinzu. Die perfekte Deckung für ihre Astralgestalt, jetzt hatten es Wächtergeister noch schwerer als sonst. Aber ihren Infos zufolge hatte „Aants Juwelerei“ eh keine magische Sicherheit. Wozu auch. Im Astralraum ließ sich Schmuck so schlecht klauen. Glaubte der Inhaber. Vielleicht dachte er bald anders. Sie schwebte auf die andere Straßenseite der Citypromenade, umflog die Security-Patrouille und ohne zu zögern durch das Schaufenster hinein in das Juweliergeschäft. Geschäftiges Treiben empfing sie. Menschen in edler, toter Kleidung kauften kalte Dinge ohne Seele für andere Menschen. Für Schmuck ging es hier merklich kühl zu, wenige Emotionen. Das Schenken hatte seinen Sinn verloren in den letzten Jahrzehnten, war zu einer Pflichtübung rund um Weihnachten geworden. Gelobt war, wer sich selbst beschenkte. Auch wenn der Schenker eher unfreiwillig zu seinem Glück kam.

Behände stieg sie im Raum des mittelgroßen Geschäfts empor, durchstreifte Erd- und Obergeschoss. Die tote Aura des Raums ließ ihre Infos korrekt aussehen. Keine magische Sicherheit. Bis auf die Auren des Personals und der Kunden, glühte nichts im Astralraum. Keine Hüter, Watcher, Geister. Perfekt.

Eine Tür. Beschriftet, unleserlich in der Anderswelt. Nach der Grobskizze die sie sich vorher hatte anschauen können, fingen hier Arbeitsraum und Büros an. Sie glitt hindurch, als ob die Tür gar nicht existieren würde. Die Juwelierwerkstatt war säuberlich aufgeräumt. Hier war mehr Atmosphäre als im Verkaufsraum. Hier arbeitete jemand mit Gewissenhaftigkeit an Dingen, die ihm Freude bereitete. Die Aura des Raums schmeckte rot, mit einer Spur grün. Zuversicht, Hingabe, Spaß, Leidenschaft. Die Katze auf ihrer Schulter schnurrte. Sie riss sich aus ihren Beobachtungen, durchschritt die Wand zum Büro des Geschäftsführers – wie erwartet leer um diese Uhrzeit – und von dort aus durch die Ziertür zu ihrem Ziel. Dem Vorraum des Tresors. Ein schwarzer Raum. Technik, wohin man blickte. Schwarz in der Anderswelt. Keine Aura, nur totes Material, Drähte, Chips. Es lief ihr kalt den Astralkörper hinab. Aber sie hatte ja ihre Instant-Aura dabei. Magie drauf, umrühren, fertig. Sie verschränkte die Arme, lauschte in ihr Inneres, fand den Faden zu Lehmi, ihrem Erdgeist, und zupfte daran. Es grollte. Tief, viel Bass, viel Ärger über ihren Ruf zur Unzeit. Was quasi jede Zeit war. Lehmi war immer darauf bedacht, seine Ruhe zu haben. Er war ihr Dauergast, ständig neu gebunden. Teuer, aber ein Luxus, den sie sich leistete.

Dann erschien er in der Anderswelt, Lehmklumpen für Lehmklumpen. Quälend langsam setzte sich die hüfthohe Gestalt zusammen, um ihr zu zeigen, dass er wenig begeistert über ihren Ruf war. Sie wusste nicht, warum sie sich seine Bindung immer wieder antat, dafür war er viel zu arbeitsfaul. Aber damit ihr wiederum sympathisch. Fast auf einer Wellenlänge mit einer Katze.

***

Mickey duckte sich hinter der mannshohen Abfalltonne. Sein Herz pochte bis zum Anschlag, aber die Security rannte an der kleinen, dunklen Gasse vorbei. Er sank zu Boden, seine Hose sog augenblicklich die Pfütze unter ihm auf. Völlig egal. Das war knapp gewesen, zu knapp. Zitternd zog er die beiden Ringe aus der Jackentasche, die er während der halsbrecherischen Flucht dort hinein gestopft hatte. Was war schief gelaufen? Er hatte sich der reichen Trulla am Taxistand doch wie üblich genähert, Bettlerkappe aufgezogen, um ein paar Euro gefleht. Lallend zu Boden gefallen, sie dabei umgestoßen und im Fallen die Ringe von der Hand gezogen. So flink wie er war keiner. Wieso hatte ihr Begleiter sofort „Dieb“ gerufen? Und ihn wie bei der Masche üblich nicht einfach nur verprügelt – oder es wenigstens probiert? Mickey schüttelte den Kopf, versuchte die Gedanken beiseite zu schieben. Nur die Beute zählte. Sein heutiger Fischzug war gar nicht schlecht gewesen. Drei Uhren, zwei Ringe, ein Checkstick mit ein paar Euro drauf. Beim Hehler brachte das alles vielleicht 100 Euro, an Weihnachten möglicherweise sogar etwas mehr. Wobei es ihn stark wundern würde, wenn der Hai nur wegen der Feiertage mehr springen ließe. Aber egal, die Beute war gut. Der Weihnachtsmann meinte es nett mit ihm. Er konnte das Lächeln in Julis Augen beinahe sehen, wenn sie ihre Spielzeuge auspackte. Und Kevins Lachen erst, wenn er endlich das neue Kinder-Kommlink bekam, das er sich schon so lange wünschte. Wünsche, die je nach Beutezeit schwer zu erfüllen waren. Mickey stand langsam auf, lugte nochmal hinter der Tonne hervor. Der übliche Feierabendverkehr und Passanten strömten an der Gasse vorbei. Keine Security, keine Drohnen. Nochmal gut gegangen. Auf nach Hause. Oder doch noch ein letztes Mal durch die Massen und etwas abgreifen?

***

Die Luft war stickig unter der Regenplane, dafür saßen sie aber wenigstens trocken auf dem Dach. Katze konzentrierte sich auf die drei Videofeeds, die Steinis Drohnen in die AR einspeisten. Transparente Fenster, die vor ihrem Auge schwebten. Eine andere Art der Magie. Steini neben ihr machte seinem Namen mal wieder alle Ehre. Man hatte das Gefühl, neben einer Skulptur zu sitzen. Wenn er nicht ab und an atmen würde, könnte man seinen frühzeitigen Tod beklagen. Voll und ganz in der VR versenkt, steuerte Steini die zwei Krabbler- und eine Flugdrohne über der Einkaufsstraße. Es war leicht gewesen, auf das Dach des Cafés zu kommen, der Hinterhof war nicht bewacht und eine Regenrinne reichte bereits aus, um hinauf zu kommen. Nun saßen sie unter der Plane, ließen den Regen über ihren Köpfen auf das Plast trommeln und warteten. Der Verkehr hatte sich gelegt, nur noch wenige Fußgänger waren unterwegs, die Geschäfte längst geschlossen. In dieser besseren Gegend schlossen sie sogar noch zu bestimmten Uhrzeiten. Luxus.

Katze schnurrte voller Vorfreude und zupfte an dem astralen Faden, der sie mit Lehmi verband. Der Geist gehorchte. Widerwillig. Und gegenüber ging die Post ab.

***

Er hätte fast den Becher Kaffee fallen lassen. Die Kassiererin im Abend-Ausgabeschalter des Cafés schaute ebenfalls erschrocken zum Juweliergeschäft hinüber, das plötzlich leuchtete wie ein Weihnachtsbaum. Rote Lichter, lautes Geheul. Einbruchsalarm. Mickey schnappte sich das Getränk, bezahlte eilig und verdrückte sich ein paar Meter die Straße hinunter. Und blieb stehen, drehte sich um. Warum verschwand er nicht? So genau wusste er es nicht. Irgendetwas sagte ihm, dass er besser warten sollte. Aber gleich kam der Sicherheitsdienst des Einkaufsviertels! Etwas hielt ihn zurück. Er drückte sich an die Mauer des geschlossenen Herrenausstatters hinter ihm. Und wartete. Zwanzig Sekunden. Vierzig. Die ersten beiden Flugdrohnen tauchten auf. Zwei Minuten. Die Security-Heinis erschienen, vier Mann, auf Motorrädern, mit denen sie sich ihren Weg durch die engen Gassen besser bahnen konnten als im gemütlichen Streifenwagen. Wie es die notorisch überarbeitete und unterbezahlte Polizei gemacht hätte. Der Trupp schwärmte aus, deaktivierte über eine Kommlink-Steuerung die Alarmanlage, sicherte das Gebäude. Fünf Minuten später stiegen sie kopfschüttelnd wieder auf ihre Bikes, ließen nur eine der Flugdrohnen zurück. Komische Kiste. Mickey wandte sich zum Gehen. Da schrillte die Alarmanlage erneut auf. Was zum…?

***

Bitte was? Warum küsste Sarah ihren Lover denn jetzt nicht? Sie hatte doch in der letzten Folge so sehr um ihn gekämpft? Katze schüttelte den Kopf, wandte beiläufig ihre Aufmerksamkeit vom Fernsehen ab, was sie sich in die AR einblendete und zog wieder an Lehmis Faden. Zum fünften Mal. Mittlerweile ließen sie mehr als die anfänglichen fünf Minuten dazwischen vergehen. Sie konnte sich die Begeisterung des Lehmklumpens bildlich vorstellen. Materialisieren. Auf den Boden stampfen, was den Erschütterungssensor auslöste. Dematerialisieren und in der Astralwelt auf den nächsten Zupfer warten. Materialisieren, vor die Tresortür treten. Nächstes Mal dann wild durch die Lichtschranken wedeln. Und so weiter. Katze kicherte. Und guckte ihre Telenovela weiter. Das konnte noch dauern.

Na endlich. Ein Zupfer. Ein Tritt vor die Tresortür. Kein Alarm. Hatten sie also endlich den ganzen Technikmist abgeschaltet, voller Begeisterung über Alarm Nummer Zweiundzwanzig?! Katze knuffte Steini in die Rippen, was den Ork von seinen Feeds hochschauen ließ.

Bescheid.“

Der massige Metamensch neben ihr nickte, hob die Regenplane hoch, was einen Schwall kalter, aber frischer Luft in ihre „Höhle“ ließ, die sie sich auf dem Dach des Cafés eingerichtet hatten. Und zog die Plane über seinen drei Drohnen weg, ließ sie wieder starten beziehungsweise loskrabbeln. Die beiden Spinnen krabbelten los, über das Dach, die Fassade hinunter. Die Zeppelindrohne in der Größe eines Küchentisches erhob sich in die Lüfte. Nachtschwarz. Nicht zu erkennen. Die Drohnen drehten ein paar Runden. Dann war klar: Lediglich zwei Securitys waren zur Bewachung von „Aants Juwelerei“ abgestellt worden. Die beiden Menschen in ihren mattblauen Rüstungen standen unter dem Vordach des Ladens und schimpften über die Unzuverlässigkeit der Technik. Nur zwei. Perfekt. Sie umschlang Steini, gab ihm einen Kuss in den Nacken, konzentrierte sich und langsam erhob sich ihr nachtschwarzes Bündel. Eine Regenplane und zwei Metamenschen schwebten leise wie der Wind über die Straße, landeten auf dem Dach des Juwelierladens. Und machten sich daran, die Dachluke zu knacken.

***

Keine Ahnung warum er wartete. Die Klamotten waren mittlerweile völlig durchnässt, die Straße verlassen. Aus sicherer Entfernung beobachtete Mickey die Wachleute, wie sie sich mit ihrer langweiligen Arbeit gegenseitig aufzogen und ihre Lage beklagten. Er zoomte mit der AR-Brille heran, sah den Atem der Securitys aufsteigen, den einen gelangweilt am Kommlink herumspielen. Echte Arbeit in der Vorweihnachtszeit.

Dann eine plötzliche Bewegung oben, auf Höhe des Dachs. Ein kleiner Gegenstand fiel auf die Straße, die Beppis erstarrten für eine Milisekunde, doch dann griff ihre Ausbildung. Sie sprangen zur Seite. Kein Knall, nur ein Zischen. Dann dumpfes Poltern. Und zwei mit Bewusstlosen gefüllte Rüstungen, die auf der nassen Straße lagen. Die Waffen! Wenn er die nun klauen und verkaufen könnte, er hätte für Wochen ausgesorgt. Zitternd drückte sich Mickey an die Wand, schaute hektisch die Straße runter. So eine Chance bekam er nicht so oft wieder. Er spurtete los, Wasser spritzte aus den Pfützen empor. Er hatte nur Minuten, bis Verstärkung kam. Fast da! Er konnte die Waffen, wertvolle MPs schon sehen. Plötzlich ein lauter Knall und es regnete Sicherheitsglas. Das Schaufenster lag in Einzelteilen auf der Straße, Rauch kam aus dem Geschäft. Zwei hustende Gestalten sprangen aus der Ladenfront, die kleinere hieb der größeren beständig auf den Arm und fluchte. Dann sah der größere Mensch ihn. Nein, es war ein Ork, der unter die Jacke griff und eine Pistole zog. Die Frau stieß die Waffe beiseite. Mickeys Ohren klingelten noch, aber das Wort „Taschendieb“ verstand er. Was zum…?

***

Lass den Taschendieb. Wir müssen weg!“, rief Katze und stieß Steinis Hand mit der Waffe beiseite. Für so einen Scheiß hatten sie keine Zeit. Sie hustete sich weiteren Rauch aus der Lunge und trieb den Ork zur Eile, die Straße hinunter. Er hatte mit Schneidladungen die Tresortür öffnen sollen, nicht den Innenraum in Schutt und Asche legen! Was war da schiefgelaufen? Der Albaner? Oder einfach ein Fehler ihres manchmal etwas grobschlächtigen Kompagnons? Der Nieselregen auf der Haut tat gut, wusch den Staub ab, während sie die Straße hinunter liefen. Die AR-Feeds der Drohnen brachen plötzlich ab, dann hörten sie plötzlich ein Sirren über der Straße. Rotordrohnen! Ein Scheinwerfer leuchtete sie kreisrund an.

Stehenbleiben oder wir schießen!“, tönte es blechern von oben. Steini ließ sich rückwärts fallen, hob die Pistole und schoss ohne Zögern auf den Scheinwerfer. Ein Funkenregen ging herab, das Licht erlosch. Dafür platzte neben ihnen das Kopfsteinpflaster auf. Schallgedämpfte Schüsse. Man wollte doch die Nachbarn nicht stören, nur weil man ein paar Gangster hoch nahm. Wie rücksichtsvoll. Steini sprang hoch, lief Zickzack und erwiderte das Feuer. Querschläger sirrten durch die Nacht. Lächerlich, mit einer Pistole hatte er keine Chance. Katze rief ihr Totem, nahm die angebotene Macht und webte einen machtvollen Umhang der Sterne und legte ihn über sie und ihren Begleiter. Die Schüsse verstummten. Unsichtbar bewegten sie sich langsam zur Seite. Plötzlich jaulten Motorräder in der Ferne auf. Die Wetware war im Anmarsch und bei derart großen Kalibern wie einer Explosion war sicherlich ein Magier dabei. Hatte sich bald was mit der Unsichtbarkeit.

Wo auch immer ihr seid: Ich kann euch hier heraus helfen!“

Katze drehte sich um. Der Taschendieb stand mitten auf der Straße, hatte sich unter den Arm geklemmt was er von den beiden bewusstlosen Wachen tragen konnte. Und schaute sich suchend um.

Ihr Blick ruckte umher. Die Drohne hatte den Schlacks bisher ignoriert. Bisher. Nun drehte sie sich, ihre Waffe schwang herum. Eine Entscheidung. Armer Lehmi. Sie ruckte an seinem Faden und der Geist materialisierte sich mitten in den Rotoren der Drohne. Die Metallblätter explodierten geradezu und der Corpus fiel zu Boden, wo er rauchend die Straße hinunter kullerte. Ein Taschendieb schrie auf.

Sehr dezent!“, grollte Steini herüber, während er nachlud. „Mit ihm oder alleine abhauen. Entscheide!“

Hierbleiben konnten sie auf jeden Fall nicht.

Katze ließ den Zauber fallen, der Lulatsch sprang erschrocken zurück. Magie im Fernsehen und in der Realität hatten nicht viel miteinander gemein. Aber das Bild des blitzeschleudernden Sprücheklopfers aus den Medien war manchmal auch zu etwas gut: Es erschreckte den kleinen Mann.

Sie breitete majestätisch die Arme aus, während ihr der Regen den Nacken hinunter lief. Stil war alles.

Dann mal los, Taschendieb!“

***

Mickey spurtete los, schwere Schritte hinter ihm. Rechts abbiegen. Seitenstraße. Über den Zaun flanken. Den Hinterhof passieren. Das Schrappen von neuen Drohnen über ihnen, Schüsse die neben ihnen einschlugen. Der Ork, wie er mit der MP einer der Wachen zurückschoss und auf einmal aufstöhnte, als ein Schuss seine Schulter durchschlug, dennoch blieb er aufrecht und schoss zurück. In was war er da nur hineingeraten? Da! Er rannte zum Deckel des Abwasserkanals. Seine letzte Rettung, schon so einige Male, wenn es knapp geworden war.

Die Frau blieb stehen. Tropfnass, verschmierte Asche im Gesicht, schwer atmend. Und dennoch sah sie stilvoll aus, fast majestätisch. Sie verzog die Miene, als Mickey den Deckel hochwuchtete und der Gestank herausquoll. Eine Pranke von Hand legte sich auf ihre Schulter und schob sie fluchend vorwärts. Schnelle Schritte die Leiter hinunter. Vorsichtige Schritte auf dem glitschigen Untergrund der Kanalisation, während ein braunes Rinnsal zu ihren Füßen dahinfloss. Plötzlich blieb der Ork stehen, griff in die Jacke, holte … Knete? … hervor und kletterte trotz seiner Schulterwunde die Leiter zügig wieder hoch.

Ein Abschiedsgeschenk!“, verriet ihm die Frau, während sie weiterliefen. Der Ork sprang laut hallend auf den Boden und holte schnell wieder auf.

Mickey führte sie immer tiefer in den Essener Untergrund. Sie waren mehrere hundert Meter weit gekommen, als hinter ihnen ein lauter Knall, gefolgt von Schmerzensschreien ertönte. Der Ork lachte bellend auf. Sie rannten weiter.

Als ihre Flucht mehrere Kilometer später endete, stützte sich Mickey zitternd an der Wand ab und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Er glaubte fast einen tadelnden Laut hinter sich zu hören.

***

Katze spielte mit den Füßen im Badeschaum, zog Kreise und planschte mit dem Wasser. Im Hintergrund dudelte „White Christmas“. Das Original von Bing Crosby, soviel Stil musste sein.

Kannst du nicht einfach mal still liegen?“, grollte es von der anderen Seite der extra großen Badewanne. Steinis massiger Körper, zurückgelehnt in rosa Badeschaum. Ein Bild für die Götter. Aber er hatte sich die Ruhe wahrlich verdient. Ihr Heilzauber hatte die Kugel schnell entfernt und nur noch rosa Wundhaut an der Einschussstelle erinnerte an ihre waghalsige Flucht. Sie lehnte sich zurück, hörte dem Knistern der Schaumblasen zu. Neben ihr auf dem Badehocker lagen neun Säckchen mit Edelsteinen. Ihre Beute der Nacht. Marktwert circa eine halbe Million Euro. Heiß, brandheiß. Also nur Hehlerpreise, letztendlich also nicht mehr als Hunderttausend. Es hätten zehn Säckchen sein können. Aber gute Führer bezahlte man.

Eine schöne Bescherung, Taschendieb“, murmelte sie in ihren Bart aus Badeschaum, ließ sich vollends in die Fluten sinken und schloss die Augen.

I’m dreaming of a white Christmas
With every Christmas card I write
May your days be merry and bright
And may all your Christmases be white