[Rezension] Schildmaid – Das Lied der Skaldin (Roman)

© Piper

Die Vögte sind nun schon gute zehn Jahre in der phantastischen Literatur unterwegs. Das Aachener Autorenduo nimmt sich den unterschiedlichsten Themen an, sei es Römer in Space (Roma Nova) oder einer hoffnungsvollen Zukunftsvision (Wastelands). Mit „Schildmaid“ geht es nun an in die mystifizierte Wikingerzeit.

INHALT
Ein fiktives Norwegen, irgendwann im Frühmittelalter: Weil sie, wie schon ihre Mutter, hervorragende Fähigkeiten im Weben besitzt, nimmt der wohlhabende Schiffsbauer Orm die junge Eyvor zur Frau. Wirklich glücklich ist sie jedoch nicht in ihrer Ehe. Als ihr Mann von einer Reise nach Russland nicht mehr zurückkehrt und bald darauf auch ihre Eltern an den Folgen eines eisigen Sturms sterben, der auch Eyvor schwer erkrankt zurücklässt, träumt sie plötzlich von einem Drachenboot mit blauen Segeln – ihrem eigenen Boot. Eyvor ist fest überzeugt davon, dass Rán, die Frau des Meeresgottes Ägir, ihr diesen Traum geschickt hat. Und sie dieses Boot bauen und hinaussegeln soll.

Obwohl noch geschwächt von ihrer Krankheit, beginnt Eyvor mit dem Bau. Schnell muss sie allerdings feststellen, dass diese Arbeit ihr viel mehr abverlangt als sie gedacht hat. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, denn von den meisten Bewohnern ihres Dorfes wird sie für ihr Streben nur verspottet. Als sie nach Jahren der Plackerei tatsächlich kurz davorsteht, das ganze Vorhaben abzubrechen, bekommt sie unerwartete Unterstützung. Denn die Geschichte der Witwe des Schiffbauers, die aufgrund eines Traumes sich an die nahezu unmögliche Aufgabe herangewagt hat, ganz allein ein eigenes Schiff anzufertigen, wurde weit über die Grenzen ihres Dorfes herausgetragen und erreichte die Ohren zahlreicher Frauen, die, beladen mit ganz eigenen Schicksalen, Motivationen und unter anderem auch den eigenen Kindern, sich auf den Weg machen, um die Witwe mit dem Schiff mit eigenen Augen zu sehen – und womöglich eine neue, selbstbestimmte Zukunft zu beginnen.

Tatsächlich packen die Frauen – im Laufe der Zeit werden es 21 – tatkräftig mit an, und so nimmt der Traum immer schneller Gestalt an, bis das Schiff – die „Schildmaid“ – fertiggestellt und seetauglich ist. Eyvor kann es kaum glauben, doch ihr wird durch interne Streitigkeiten schmerzlich bewusst, dass etwas fehlt: Ein konkretes Ziel, wohin es nun eigentlich gehen soll. Die Ankunft der jungen Herdis zwingt die Gruppe jedoch zu einem spontanen Aufbruch: Nicht nur, dass das Mädchen von ihrem Zwillingsbruder, dem Berserker Birger, verfolgt wird – inmitten der Schar erkennt die zweifache Mutter Skade auch ihren Ehemann Ivar, ebenfalls ein Berserker, vor dessen unkontrollierten Wutausbrüchen sie einst aus Verzweiflung geflohen ist.

Und so begeben sich die nunmehr 22 Frauen gezwungenermaßen und mit nur wenig Proviant an Bord auf eine Reise ins Unbekannte. Doch alsbald wird deutlich, dass nicht nur die Berserker ein Problem darstellen: Ragnarök, das Ende der Welt, steht unmittelbar bevor. Und die Bestatzung der Schildmaid wurde dazu auserkoren, es zu verhindern…

MEDIADATEN

…Autor: Judith & Christian Vogt
…Verlag: PIPER Verlag
… Format: Taschenbuch, Klappenbroschur
…Seiten: 448
…Erschienen: 2022
…ISBN: 978-3-492-70598-1
…Preis: 16,00 EUR

CHRISTOPHORUS MEINUNG
Zuallererst muss ich mich entschuldigen. Bei Judith und Christian Vogt. Nein, eigentlich muss ich regelrecht beichten: Ich musste „Schildmaid – Das Lied der Skaldin“ nämlich, nach ein bisschen zeitlicher Distanz, noch einmal von vorne beginnen, weil ich nach knapp der Hälfte einfach nicht mehr konnte. Als heterosexueller cis Mann hatte, da bin ich ganz ehrlich, nach einer bestimmten Zeit eine Art Beissreflex eingesetzt. „Das hätte doch so niemals passieren können“ oder „Das ist doch totaler Quatsch!“, waren zwei der Gedanken, die mir während des Lesens immer wieder durch den Kopf schossen. Hätte ich den Roman in diesem Zustand durchgelesen und bewertet – es wäre etwas ganz anderes dabei herausgekommen.

So also legte ich das Buch erst einmal zur Seite – und vergaß es für etliche Tage in der Schublade meines Nachtschranks. Eines Tages beim Aufräumen blickte ich zufällig wieder auf das Cover und der erste Gedanke daran war: „Ach ja, du musst hierüber noch die Rezension schreiben. Und die Zeit drängt so allmählich“. Ich nahm das Buch heraus, setzte mich auf die Kante meines Bettes und las noch einmal – mehr aus einer unbewussten denn aus einer bewussten Handlung heraus – die einleitenden Seiten. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich dieses Buch völlig falsch angegangen bin. Dass meine Perspektive, meine Sichtweise beim ersten Durchgang einfach nicht die richtige war und ich anscheinend auch nicht gewillt war, den Blickwinkel zu ändern. Diese Gedanken beschäftigte mich, und noch am selben Abend nahm ich „Schildmaid – Das Lied der Skaldin“ mit dem festen Vorsatz, die Geschichte unvoreingenommen noch einmal zu erfahren, erneut zur Hand. Und was ich dann im Laufe weiterer Abende las, war eine ganz andere Geschichte. Es war plötzlich keine Geschichte mehr über Frauen, die sich aufgrund der ihnen widerfahrenen, schrecklichen Schicksale zusammengetan haben, um der Männerwelt mal zu zeigen was sie wirklich können, sondern eine Geschichte über Personen, die, weil ihnen körperliche und seelische Gewalt angetan wurde, sich aus der Not heraus finden und eine Gemeinschaft gründen, die sich gegenseitig Mut, Stärke und Unterstützung zusprechen, gezwungen werden, über sich hinauszuwachsen und dabei ihre eigene Identität, ihr eigenes selbstbestimmtes Leben in einer patriarchisch geprägten Welt mit ihren hierarchischen Regeln und alteingesessenen Denkmustern versuchen zu beanspruchen. Und dass sie eigentlich genau so passiert sein könnte.

Im Nachgang habe ich mich für meine scheuklappenartige Herangehensweise an diesen Roman geschämt, denn entsprach sie genau dem reaktionären Verhalten, das das Autorenpaar eigentlich kritisiert. Wer also voreingenommen an diesen Roman herangeht, aber bereit ist, eine kleine geistige Kurskorrektur vorzunehmen, der kann durchaus seinen Spaß damit haben. Denn neben der verdeutlichenden Beschreibung eines Systems, das Andersdenkende und Anders-Seiende vehement unterdrückt, ist „Schildmaid – Das Lied der Skaldin“ ja auch noch eine Abenteuergeschichte, die vor historischer Kulisse spielt und mit etlichen Elementen der nordischen Mythologie durchsetzt ist. Tatsächlich sind letztere so geschickt eingewoben, dass man sie erst nach etlichen Seiten als Teil dieser Welt wirklich wahrnimmt, wobei insbesondere der Runenmagie ein wichtiger Part zukommt. Das liegt insbesondere an dem kompakten, auf Pacing ausgelegten Schreibstil in der dritten Person, der in seiner Art an eine Nacherzählung erinnert. So sind beispielsweise sowohl die Hintergrundgeschichte Eyvors, ihre Motivation, sich an den Bau eines eigenen Schiffes zu machen, sowie die Entbehrungen und Schmerzen, die sie bis zum Eintreffen der ersten Frauen erleiden und erleben muss, bereits auf wenigen Seiten erzählt – sachlich, nüchtern, aber stets nachvollziehbar. Bis auf wenige Ausnahmen setzt sich dieser Schreibstil bis zum Schluss so fort.
Daher liest sich das Buch, das in mehrere Kapitel aufgeteilt ist und gerade zu Beginn die Hauptcharaktere Eyvor, Skade, Tinna und Herdis vorstellt, zu denen sich später noch die taubstumme Bodil und die Navigatorin Dineke hinzugesellen, zum großen Teil sehr flüssig, da auch die Story wirklich packend, spannungsgeladen und oftmals auch poetisch inszeniert wird. Allerdings verliert sich das Autorenduo ab und an mal in Nebensträngen von jenen Charakteren, denen nicht so viel Spielraum gegeben werden kann. Da ist es zwar löblich, dass Judith und Christian Vogt immer wieder versuchen, auch ihnen eine (kleine) Bühne zu geben, denn schließlich braucht jedes Schiff eine funktionierende Mannschaft und auch in einem Roman handelt es sich dabei um lebende, atmende Wesen mit eigenem Willen, eigener Vergangenheit und eigener Motivation. Allerdings treibt das die Geschichte in den seltensten Fällen voran bzw. nimmt an den falschen Stellen Fahrt heraus, weil der Spannungsbogen einfach nicht groß genug ist. Wer sich hingegen an das kleine Plus an Charakterzeichnung erfreuen kann, wird darüber sicherlich problemlos hinwegsehen können. Gerade die „Kerncharaktere“ sind aber mit viel Fingerspitzengefühl ausgearbeitet worden. Jede von ihnen besitzt Stärken und Schwächen, welche nachvollziehbar in die Story eingebettet werden. So fällt es beispielsweise nicht schwer, eine Antipathie gegenüber der schnell aufbrausend werdenden Skade zu entwickeln und ihre Loyalität infrage zu stellen. Allerdings ist sie lediglich eine Gefangene ihrer eigenen Angst – insbesondere vor ihrem gewalttätigen Mann, der nicht von ihr und ihren Kindern ablässt. Was sich wiederum in Wut kanalisiert.

Die Autoren haben sich sehr um authentische, altnordische Bezeichnungen für Länder, Städte und Gegenstände und um Ausdrücke aus jener Zeit bemüht, was das Ganze recht nahbar macht. Überhaupt wirkt die Einbindung der historischen Kulisse sehr sauber, ist gut recherchiert und prima umgesetzt. Im Anhang des Buches findet sich gar ein Glossar der verwendeten Begrifflichkeiten, was der Verständlichkeit deutlich zugutekommt.

Alles in allem hat mich „Schildmaid – Das Lied der Skaldin“ nach meinem zweiten Start positiv überrascht – und ich durfte die Gelegenheit bekommen, meinen Horizont zu erweitern. Und das hat mich am meisten überrascht.

MEINE WERTUNG
4 von 5 Langboote

von: Christophorus

L I N K S

2 Kommentare zu „[Rezension] Schildmaid – Das Lied der Skaldin (Roman)“

  1. Ausgesprochen lesenswert, wie sehr sich deine Podcastfolge und dein Gastjuror in ihrer Rezension unterscheiden, obschon die Endwertung gleich ist.

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    1. Ich kann sowohl Philips Rezension aus dem Podcast als auch hier die schriftliche von Christopherus achvollziehen. Dass beide Rezensionen trotz unterschiedlich im Ansatz zum selben Ergebnis kommen, sollte ein guter Indikator dafür sein dass das Buch wirklich gut ist.

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