Im Gespräch mit Markus Widmer (World Wide Wrestling)

Wer artig den System Matters Podcast lauscht, dürfte mitbekommen haben, wie Daniel und Patrick in der 55.Morniung Matters Folge ein wenig mehr zu World Wide Wrestling erzählt haben. Natürlich bin ich als alter Wrestling-Fan und Rollenspieler schon gespannt ohne Ende. Damit die Spannung uns nicht wie ein Stunner oder Facebuster ausknockt, habe ich mir Markus geschnappt und ihm einige Fragen gestellt (ja das war schon vor einiger Zeit). Viel Spaß beim lesen… und wir sehen uns im Seilgefiert ihr Nerds!

© System Matters

Hallo Markus,
vielen Dank dass Du Dir die Zeit genommen hast. Würdest Du Dich bitte bitte kurz vorstellen.

Mein Name ist Markus Widmer. Manche kennen mich vielleicht vom 3W6 Podcast, der sich seit mehr als fünf Jahren mit Erzählrollenspielen beschäftigt, oder von der 3W6 Con. Außerdem übersetze ich seit einiger Zeit Rollenspielmaterial ins Deutsche; längere Zeit für Cthulhu, dann für System Matters, zum Beispiel Dread oder Star Crossed. Ich komme ursprünglich aus der Schweiz, wohne aber schon fast mein halbes Leben in Wien, gemeinsam mit meiner Frau und meinen zwei Söhnen. Ihr findet mich als @wienna auf Twitter.

Wie bist Du zum Rollenspielen gekommen?
Ich war ein williges Opfer der Fernsehwerbung von Schmidt-Spiele für Das Schwarze Auge. Das ordnet mich jetzt leider auch altersmäßig ein. So richtig in die Rollenspielszene eingetaucht bin ich aber erst später, Ende der Neunziger. Vor allem durch gehörte und selbst gemachte Podcasts bin ich dann immer mehr auf neuere, erzähllastigere und teilweise auch verrücktere Rollenspiele gekommen.

Was verbindet Dich mit Wrestling?
Daran ist mein älterer Sohn schuld, der vor ein paar Jahren eine gewisse Obsession mit dem Thema entwickelt hat. Ich war in den Neunzigern gar nicht drin, wahrscheinlich, weil ich damals keinen Fernseher hatte. Aber irgendwie bin ich in diese faszinierende Form des Storytelling reingekippt. Mein Sohn hat das Interesse schon wieder etwas verloren, Teenager halt, aber ich bin hängengeblieben.

Ok, dann wollen wir doch mal ein wenig auf Deinen Wrestling-Background zu sprechen kommen. Deine erste Kontaktaufnahme mit Wrestling war?
Puh, schwer. Wahrscheinlich Hulk Hogan in Rocky 3? Ich habe natürlich schon gewusst, dass es Wrestling gibt, aber in der Blütezeit der WWF/WWE in den Neunzigern hatte ich keinen Zugang dazu. Mittlerweile schaue ich aber zurück und entdecke zum Beispiel in meinen Lieblingsfilmen überall Wrestler oder Wrestling-Referenzen. Es musste also wohl so kommen.

Dein/e Lieblinswrestler*in ist?
Das wechselt auch gelegentlich. Aber einer meiner absoluten Favoriten und jemand, der immer abliefert, ist Walter (Gunther). Es hilft natürlich, dass er aus Wien kommt. Ich durfte ihn auch einmal live erleben, und er ist schon eine beeindruckende Erscheinung. Er steht auch für eine Art von Wrestling, die ich sehr mag: kein Firlefanz, authentisch, direkt, emotional und … wuchtig. Wie der Autor von World Wide Wrestling mir mal auf Twitter geschrieben hatte: „Walter ist ein Wrestler, der einfach nicht verstanden hat, dass Wrestling fake ist.“ Es ist also gleichzeitig mein Traum und mein Alptraum, mal einen Chop von ihm zu kassieren.

Welches Tag Team ist Dein Favorit?
Keine Frage: die Lucha Brothers. Ihr Cage-Match gegen die Young Bucks bei AEW All Out 2021 ist neben Walter gegen Dragunov mein Match des Jahres. Aber bei AEW fällt die Wahl schwer, da dort wirklich Tag-Team-Wrestling vom Feinsten gezeigt wird.

Welches Entrance begeistert Dich aktuell am meisten und warum?
Ich habe vorher gesagt, ich mag keinen Firlefanz, aber der Panzer von Shotzi Blackheart ist schon ziemlich cool. Ihr Team mit Ember Moon mochte ich auch sehr.

Welche Wrestling-Promotion ist Dein Liebling?
Du hast es vielleicht schon herausgehört. Ich war ein großer Fan des „alten“ NXT von WWE, bin aber nicht erst seit dem Rebranding von NXT von der WWE so oft enttäuscht worden, dass ich seit einigen Monaten mit sehr viel Freude AEW schaue. Das ist die Sorte von langfristigem Storytelling und actionreichem Wrestling, die ich mag.

Wärst Du lieber Face oder Heel?
Schwer! Ich bin ja ein sehr harmoniebedürftiger Mensch, daher wäre es sicher nicht leicht, als Heel ausgebuht zu werden. Andererseits ist es ja nur eine Rolle, und die Rolle des Bösewichts macht schon mehr Spaß. Es ist auch einfach leichter, den Heel zu geben.

So die Grundlagen haben wir. Nun kommt die Kür, einfach um zu sehen wie aktuell Du Dich mit Wrestling beschäftigst. Fangen wir auch gleich mal an. Wie fandest Du das Comeback von CM Punk bei AEW?
Der Moment selbst war einfach pure Emotion. Großartig. Seitdem war Punk ein bisschen orientierungslos, aber mit MJF hat er jetzt ein perfektes Gegenüber für Promo-Duelle gefunden. Ich bin gespannt darauf, wann man ihn auch mal verlieren lässt. Es klingt widersinnig, aber das wird ein großer Moment – hoffe ich zumindest.

Was hälst Du von aktuellen WXW Programm? (Alternativ vom europäischen Wrestling?)
Sehr viel! Durch die Zusammenarbeit der Unternehmen gibt es eine viel größere Durchlässigkeit zwischen Indie-Promotions wie WXW und dem Monopolisten WWE. Ich finde es toll, dass Leute wie Walter oder Ilja Dragunov über diesen Weg auf die ganz große Bühne gekommen sind. Und so schade die Entlassung von Axel Tischer war, so fein ist es, dass er direkt in seiner alten Heimat weitermachen konnte. Es gibt nichts Besseres als eine gut gemachte Live-Wrestlingshow von deiner örtlichen Promotion. Ich habe letztes Jahr das Debüt der PWÖ in einer Dorfhalle in Niederösterreich gesehen, und es war absolut großartig!

Wenn ich den Namen Hulk Hogan in den Ring werfe. Was fällt Dir zuerst ein?
Leider eher seine ganzen Skandale in den letzten Jahren und die Dokumentation „Nobody Speak“. Ich bin eher in der Ecke von Shawn Michaels, wenn es um Wrestling-Legenden geht. Auch kein unproblematischer Charakter, aber hey, das ist die Auswahl nicht so groß.

Beschäftigst Du Dich mit japanischen oder südamerikanischen Wrestling?
Viel zu wenig. Dafür bin ich einfach noch zu kurz Hardcore-Fan. Ich habe mich etwas ins Thema eingelesen, auch um für die Übersetzung fit zu sein.

© System Matters

Damit haben wir doch eine tolle Grundlage gelegt. Kommen wir nun zum Spiel. Was ist World Wide Wrestling?
World Wide Wrestling ist ein Rollenspiel, powered by the Apocalypse; es verwendet also dieselben Grundlagen wie Dungeon World, Mythos World oder Monsterhearts. WWW ist ein schnelles, witziges und actiongeladenes Spiel. Die Spielgruppe verkörpert die wichtigsten Wrestler einer Promotion. Jeder Spielabend ist eine Wrestling-Fernsehshow, und von Abend zu Abend entwickeln sich die Storylines und Fehden der Wrestler, aber auch ihre Promotion weiter. Letztlich ist das Ziel des Spiels, das Publikum zu unterhalten. Das ist ein Mechanismus, aber natürlich sind das Publikum auch wir selbst. Im Vordergrund steht natürlich die Action im Ring, aber vor allem als Mittel, coole Geschichten zu erzählen.

Welche Rollen können die Spieler*innen verkörpern?
Es gibt nicht weniger als 15 Gimmicks, also Spielbücher oder Charakterarchetypen, die sich an den typischen Rollen orientieren, die man aus dem Wrestling kennt. Das Monster, die Technikerin, der Hardcore, die Veteranin, der Luchador – da kann sich jeder gleich etwas darunter vorstellen. Du kannst aber auch speziellere Rollen übernehmen wie zum Beispiel den Manager, der am Mikro und neben dem Ring agiert, den Jobber, der fürs Verlieren da ist, oder die Provokateurin, die alles hinterfragt, für das Wrestling steht. Wichtig ist, dass die Spielgruppe sowohl die Rolle des Wrestlers als auch den Menschen, der diese Rolle übernimmt, spielt. Daraus ergibt sich eine spannende Dynamik.

Wie funktioniert die Charaktererschaffung?
Ganz ähnlich, wie man das von anderen PbtA-Spielen kennt. Du hast eine Art Multiple-Choice-Bogen, bei dem du gewissen Dinge auswählen kannst, um aus einem Archetypen deinen Charakter zu machen, zum Beispiel die Art des Auftritts, woher dein Wrestler kommt, sein Ziel und so weiter. Es gibt vier Attribute, Kraft, Stil, Echt und Ring, die Werte zwischen -1 und +3 erhalten. Du kannst jeden Wrestler als Babyface oder Heel spielen. Und dann gibt es Spielzüge (in diesem Spiel heißen sie Moves), die pro Gimmick einzigartig sind. Auch da kann ich einige auswählen und andere für später aufbewahren, wenn mein Wrestler aufsteigt. Am interessantesten ist der Aufbau von Spannung. Spannung steht für die Beziehung zweier Wrestler, bzw. dafür, wie interessant diese fürs Publikum ist. Hier stellen alle Fragen von einer Liste, um ein wenig gemeinsame Hintergrundgeschichte festzulegen und gleich die ersten Fehden anzuheizen. Diese Spannung soll dann im Laufe des Spiels gesteigert werden, damit das Publikum deine Matches liebt und du immer populärer wirst. So entwickelt sich dein Wrestler auch weiter.

Wie läuft ein World WIde Wrestling Spielabend ab? Nehm mich doch mal mit …
In den allermeisten Fällen entspricht ein Spielabend einer Wrestling-Show. Die kreative Leitung hat die Show vorab gebucht, sich also überlegt, welche Matches, Interviews, Promos oder andere Segmente vorkommen könnten, und wer die Matches gewinnt. Dazu können Szenen hinter der Kamera kommen, vor allem dann, wenn die Konflikte vor der Kamera dahin überschwappen. Dann kommt aber meistens alles anders, weil die Wrestler mit ihren Moves die Geschichte dieser Show beeinflussen können. Jemand hält eine Promo so erfolgreich, dass aus dem Titelmatch ein Triple-Threat wird, weil er sich selbst ins Main Event hineinreklamiert. Ein Heel erschummelt sich den Sieg. Ein Manager macht seinen Einfluss geltend, damit seine Klientin nicht verliert. Die wichtigste Regel dabei ist: Lass es so aussehen, als sei es schon immer so geplant gewesen. Die wichtigsten Szenen sind natürlich die Matches. Die Regeln simulieren das Hin- und Her eines Wrestling-Matches perfekt. Wenn dein Charakter das Match gerade unter Kontrolle hat, kannst du frei erzählen, was dein Wrestler mit dem Gegenüber aufführt. Bei kritischen Momenten wird dann der Wrestling-Move gewürfelt, der entscheidet, ob die Kontrolle übergeben wird oder nicht. Außerdem kann dich die Gegenseite auch mit entsprechende Moves unterbrechen. Und natürlich endet jedes Match mit einem Finishing-Move. Der Ausgang des Kampfs ist zwar, wie im richtigen Wrestling, abgesprochen, aber das heißt noch lange nicht, dass das Publikum das Finish auch gut findet. Und wer weiß, vielleicht greift auch noch jemand ein?

Welcher WWW-Charakter ist bisher Dein Liebling und warum?
Wahrscheinlich „Anarcho Karacho“ aus unserer 3D-Wrestling-Kampagne, die es auch auf dem YouTube-Kanal von 3W6 nachzusehen gibt. Die Grundidee der Anarchistin, die versucht, eine Wrestlergewerkschaft zu gründen, war schon einmal genial. Dazu kam dann eine Storyline mit allem, was Seifenopern-Wrestling zu bieten hat: Entführungen, Enthüllungen, verlorene Töchter und Demaskierungen.

Gab es während der Spielrunden schonmal Aktionen die sich ins Gedächtnis gebrannt haben? Welche waren das?
Die eben erwähnte Demaskierung war eine – aber ich will das Ende der Kampagne nicht spoilern. Wir hatten auch mal einen Clown-Wrestler, der ein Match unterbrochen hat, indem er sich mit einer Kanone in den Ring schießen ließ. Der eine oder andere Heel-Turn kommt mir auch in den Sinn; immer ein cooler Moment.

Gab es bei den Übersetzungsarbeiten „Stolpersteine“ oder „Running Gags“ bzw. tolle Situationen?
Der größte Stolperstein war für mich der Wrestling-Jargon. Das Buch wendet sich explizit auch an Nicht-Fans und verzichtet auf allzu viel Jargon, andererseits möchte man die Fans ja auch ansprechen. Teilweise habe ich dann gewisse Begriffe schlicht nicht verwendet, weil es keine deutsche Entsprechung gab, ich etwas ganz Neues hätte erfinden müssen, dass die Fans dann aber gar nicht wiedererkennen. Oder ich hätte sehr viel Denglish gehabt. Begriffe wie „work“ oder „shoot“ fallen darunter. Ich glaube, niemand hätte viel davon gehabt, wenn eine Seite lang erkläre, was ein „worked shoot“ ist. Also habe ich andere Begriffe gefunden. Spaß hatte ich mit der Übersetzung der „imaginary viewing audience“, also dem Prinzip, dass wir für ein Publikum spielen, das wir uns aber nur vorstellen. Der Begriff „Kopfpublikum“ beweist, dass das Deutsche nicht immer länger und umständlicher ist als das Englische.

Wenn ich jetzt noch nicht überzeugt von World Wide Wrestling bin, was würdet Ihr mir raten?
Schau vielleicht mal in ein Let’s-Play-Video rein! Ich habe mittlerweile sicher ein Dutzend One-Shots und eine Kampagne geleitet, und ich kann aus Erfahrung sagen: Bisher haben noch alle dabei Spaß gehabt. Sowohl die Wrestling-Fans als auch die Leute, die ausschließlich aus der Rollenspielecke kommen. Ihr könnt euch auch mal die Basis-Moves und die Gimmicks ansehen, um einen Eindruck zu erhalten, wie schlüssig und selbsterklärend die Regeln sind. World Wide Wrestling gibt euch mit seinen Regeln genug Inspiration, um die Geschichte weiterzutreiben, und genug Freiheit, das zu erzählen, was euch wichtig ist.

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte (am liebsten eine Catchphrase) gehören Dir.
I think that was enough talk. It’s time for the MAIN EVENT!

L I N K S

Update 23.06.2022: Hier geht es zur Vorbestellaktion

2 Kommentare zu „Im Gespräch mit Markus Widmer (World Wide Wrestling)“

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