Blind am Rollenspieltisch

Mit diesem Artikel möchte ich meiner Schuldigkeit nachkommen. Ich hatte euch, auf Twitter, gefragt was ich euch näherbringen soll/darf. Eure Entscheidung fiel auf „Wie spielst du als stark Sehbehinderter / Blinder Rollenspiele?“.

Dann will ich mich dem Thema widmen. Eins aber vorweg. Die hier geschilderten Erlebnisse/Erfahrungen, sollten nicht verallgemeinert werden, sprich selbst mit der gleichen Einschränkung können diese anders erlebt werden.

MEINE BEHINDERUNG
Hier muss ich etwas ausholen, da sich dies im Laufe der Zeit ein wenig geändert hat. Als ich mit dem Hobby angefangen habe, zählte ich als „Kurzsichtig“. Dies lag daran, das ich zum damaligen Zeitpunkt einen Augenarzt hatte, welchen man getrost als Stümper bezeichnen kann, und somit meine genaue Augenerkrankung bis zu meinem 18.Lebensjahr nicht diagnostiziert wurde. Ja, dies hatte Vor- und Nachteile. Aber das gehört hier nicht hin.

Die erste gute Diagnose lautete dann RP – welche eine „starke Sehbehinderung“ verursachte. Dies bedeutet das ich zum damaligen Zeitpunkt, auf dem besseren Auge, eine Restsehkraft von ca. 6,5 % und auf dem schlechteren ca. 5,5 % hatte. Dazu kamen noch eine Farbsehschwäche im blau-grün Spektrum, verminderte Reaktion, Nachtblindheit, Lichtempfindlichkeit. Das heißt, wer sich ein wenig mit den Merkzeichen, welche für einen Schwerbehindertenausweis vergeben werden, vertraut machen möchte, ich hatte: G, B, RF, GdB 90%.

Über die Jahre hinweg hatte ich ein Gleichbleiben. Aber der Zahn der Zeit nagt auch an mir,. So hat sich das Ganze mittlerweile doch entwickelt (in den letzten 7-8 Jahren). So ist die Sehkraft, auf dem besseren Auge, auf unter 2% gerutscht. Somit hat sich meine Einstufung ebenfalls geändert: G, H, Bl, RF, B, GdB 100%. Die derzeitigen Einschränkungen sind: Kurzsichtigkeit, Lichtempfindlichkeit, Nachtblindheit, Farbsehschwäche im blau-grün Spektrum, Kontrastminderung, verminderte Reaktion, leichte Gesichtsfeldeinschränkung, …

MEIN RPG-EINSTIEG
Es dürften ja einige von Euch wissen, das ich zu meiner Schulzeit von einen Klassenkameraden, über Orks klatschen, ähem „Das schwarze Auge“ zum Rollenspielen gekommen bin. Nach gut zwei Jahren war es dann schon exzessiver, da hieß es Donnerstage Abends „Shadowrun“, Freitags Abends „Shadowrun“, Samstags Mittags „DSA“ und Samstags Abends „Shadowrun“. Dies ließ sich in dieser Form, aus mehreren Gründen, bis heute nicht durchhalten. Es gab immer wieder Phasen wo mal mehr, mal weniger gezockt wurde. Heute bin ich bei 2-3x / Monat . Was mir vollkommen ausreicht… Über die Jahre hinweg gab es natürlich auch viele Systeme, welche wir ausprobiert, oder sogar längere Zeit gespielt haben. Darrunten fallen RPGs wie: Shadowrun, Earthdawn, Cyberpunk 2020, DSA, Kult, RuneQuest, Seelenfänger, Dungeonslayers, Reign, Elyrion, Ultima Ratio, Raumhafen Adamant, Beyond the Wall, … uvm.

WIE SPIELST DU? (FRÜHER)
Mein Einstieg erfolgte wohl wie bei Euch allen auch. Reingezogen. Charakterblatt, Stift und Würfel erhalten und losgelegt – oder aber vorher noch ein Buch oder Startbox gekauft uns angefangen.

Aber ja, ich weiß, ich konnte früher noch normal in den Rollenspielpublikationen lesen, die Datenblätter ausfüllen bzw. radieren, ändern und normal würfeln.

Aber es machte sich dann irgendwann langsam bemerkbar. Dann war es so das ich beim Charakterwerte erkennen/ermitteln auf einen meiner Mitspieler angewiesen war. In der Regel immer der selbe Mitspieler, welcher in die Aufgabe reinwuchs und das teils bis heute macht.

Bei Karten/Skizzen wussten die Mitspielenden das diese halt etwas stärker gezeichnet werden mussten, sprich ab hier kamen dann die geliebten Edding gerne zum Einsatz.

Würfel, verwendete ich bis dato die Standard-Würfel. Wenn ich einen guten Tag hatte und meine Mitspieler in den Wahnsinn treiben wollte, gab es auch schon einmal „Sonderwürfel“, welche von der Farbgebung her echt übel waren. Dies war in der Regel der Fall wenn ich etwas auf einer Con oder auf der Spielemesse SPIEL gefunden hatte.

Was das Thema Getränke anbelangt, waren Getränke auf dem Spieltisch sowieso verboten. Ein guter Gruppenentscheid.

WIE SPIELST DU? (AKTUELL)
Heute ist mein Spielen doch etwas anders als zu meiner Anfangszeit bzw. über die Jahre hinweg. Also wenn ich analog spiele, dann nutze ich immer noch die Standard-Charakterbögen, allerdings verwalte ich dies am PC, sprich ich fülle die dort aus bzw. editiere diese dort. So das Mitspielende mir dort bei den entsprechenden Werten/Ausrüstung/… helfen können. Bei Lust und Laune nutze ich ein iPad, wo ich dann dank der Bedienhilfen (dunkler Modus, Zoom, Farbumkehr eingeschaltet) selbst agieren kann. Geht auch mit meinem Smartphone, ist dann aber nicht so komfortabel. Aber digitale Geräte am Spieltisch, gerade bei Fantasy oder Horror, nehmen mir etwas von der Atmosphäre. Nicht viel anders sieht es mit dem Einsatz einer elektrischen Lupe aus, es ist halt ein Bildschirm der flackert, aber es kann helfen. Hier gibt es natürlich, je nach Gerät viele Einstellungen (Farben, Vergrößerungslevel, …).

Wenn es dann ums Würfeln geht, geht es relativ einfach. Ich nehme ein paar Würfel, keine Farbexperimente mehr und meist im dunklen Farbspektrum mit hellen Zahlen. Aber auch hier sind meine Mitspielenden quasi über die Jahre so gut geimpft das auch dabei unterstützt wird. Das bedeutet aber auch, das Vertrauen vorhanden sein muss – weil das könnte Sprengpotenzial bergen.

Wenn es um Sachen wie z.B. bei Shadowrun, um seinen Munitionsüberblick geht, dann wird einfach mit dicken Stift auf blanko Papier geschmiert. Da kann ich ja so groß kritzeln wie ich mag. (gab es ja auch damals mal bei der WDR Doku zur KingCon zu sehen).

Bei Plänen/Karten ist es eine Mischung aus allen. Meist bin ich hier auf eine gute detailreichere Beschreibung des/der Spielleiter*in angewiesen. Wobei ich mir den Plan auch einfach mal schnappe und vor die Augen halte. Je nach Kontrast kann dieser Versuch aber ins Leere verlaufen, Dann hilft ein Foto per Smartphone oder elektronischen Lupe. Auf den Plänen werden dann die Personen nicht eingezeichnet, da gibt es ja Figuren, Würfel, oder sonst etwas für.

WIE SPIELST DU AUF EINER CON?
In den meisten Fällen nehme ich an einer Runde teil, wo ein/e Mitspielende/r aus meiner Heimatrunde mit dabei ist. Den anderen Spieleneden, welche an der Runde teilnehmen, gebe ich kurz bescheid, so dass diese sich darauf einstellen können. In 99 % aller Fälle stellt dies auch kein Problem da. Das Spielen an sich läuft dann wie oben beschrieben. Bei Plänen kann es dann schon einmal ein wenig schwieriger werden, aber ich bin immer wieder überrascht wie schnell sich Rollenspielende auf meine Einschränkung einstellen und helfen.

Sollte es widererwartend nicht harmonisieren, geht man nach der Con-Runde in der Regel getrennte Wege. Ich nehme dies dann als Lebenserfahrung mit. Bis auf einmal, ist das dann auch abgehakt und wird auch nicht als „Sau durchs Dorf getrieben“.

WIE KONSUMIERST DU RPG-PRODUKTE?
In der heutigen Zeit, mit den vielem technischen Möglichkeiten, bieten sich mir mehrere Wege. Da hat sich zum Glück einiges getan. So lese ich Rollenspielbücher am liebsten als Print. Dazu nutze ich ein Bildschirmlesegerät mit Kreuztisch,. Dies ermöglicht es mir das Buch in Normalsicht oder auch in Invertierter Darstellung, in unterschiedlichen Vergrößerungsstufen, oder aber in verschiedenen Farbmodi zu lesen. Ich nutze hier meist weiß-schwarz oder invertiert, mit einer Vergrößerung von ca. 9-15x. Bei der Lesegeschwindigkeit liege ich fast gleich auf mir meinen sehenden Umfeld. Viel Training und Leseneugier war dafür von Nöten. Problematisch kann es bei Tabellen oder aber ein Level höher bei Tabellen mit Kontrast werden. Wenn hier bei der Erstellung nicht drauf geachtet wurde, kann einen das schon vor große Herausforderungen stellen. Da gab es schon echte Kopiererqualen bzw. Scanorgien. Meist gehe ich die Lösung selbst an… Hatte da auch schonmal den Weg über Foren oder den entsprechenden Verlag eingeschlagen eingeschlagen, da ist aber, milde gesagt „nur Quark bei rumgekommen“.

Wer meint das ist mit heutigen eBooks / PDFs besser geworden. Glückwunsch zum Irrglauben. Naja ein wenig. Aber ich finde hier nicht immer Barrierefreie Dokumente vor. Das verstehe wer will, ist schließlich kein Hexenwerk. Ja digitale Werke kann man teils durch Sprachassistenten /-software vorlesen lassen (Tabellen, Slang, Eigennamen, … – wird schwierig), aber man sollte bedenken, obwohl vieles möglich ist, sind wir erst am Anfang einer Entwicklung, welche hoffentlich kräftig und schneller vorangetrieben wird.

Rollenspielprodukte als (DAISY)-Hörbuch sind mir bis dato nicht wirklich in die Hände geraten – bis auf ein kostenloses RPG, aber das müsste ich nochmals hören um mehr zu sagen (zu lange her). In Punktschrift (Braille) auch nicht – wobei ich da nicht der Richtige wäre – aber hier muss man sagen, das es in Deutschland ca. 70 000 Lesende gibt – was den Markt für RPG-Produkte wohl ins extreme dezimiert.

Smartphone und Tablet können einem am Spieltisch natürlich auch weiterhelfen. Nicht nur das man schnell mal ein Foto einer Karte machen kann, sondern Handouts scannen funktioniert natürlich auch. Da gibt es bei Apple vieles on Board, oder schnell, einfach und kostenlos im App-Store. (Bei Android sicherlich auch, aber von den Grundfunktionen ist das für mich nicht geeignet).

WIE GEHST DU MIT HANDOUTS UM?
Zu Karten habe ich ja bereits etwas geschrieben Wenn es um andere Handouts, wie etwa Charakterbilder, Gebäudefotos geht, diese kann ich mir „normal“ anschauen. Wenn es um Detailtiefe geht, bin ich auf zusätzliche Umschreibungen angewiesen.

Straßen- bzw. Umgebungskarten sind für mich am besten in digitaler Form zugänglich. Aber auch hier zählt der Kontrast und die Detailtiefe. Wenn es nur was kleines ist, dann reicht auch eine „Skizze“ – das geht auch so…

WIE ERLEBST DU ABENTEUER? / WIE NIMMST DU ABENTEUR WAHR?
Ich würde sagen „normal“, da ich nicht Geburtsblind bin, kann ich die Welt mit all ihren Farben, Konturen, usw. wahrnehmen. So dass ich weiß wie die Farben „blau“, „rot“, usw. aussehen. Weiterhin kann ich Stoffe usw. unterscheiden. Somit kann ich hier sagen, das diese sich nicht unterscheidet, und wenn dann nur in der Vorstellungskraft.

… … …
… … …

Ich hoffe ich konnte Euch einen guten Einblick geben. Solltest Ihr Fragen haben, einfach ein Kommentar hinterlassen (es gibt keine dumme Fragen, sondern nur dumme Antworten). Bei Anregungen zählt natürlich dasselbe. Oder einfach ein eMail an mich.

Euer Würfelheld

L I N K S

2 Kommentare zu „Blind am Rollenspieltisch“

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