[Rezension] Private Eye: Grundregelwerk 5.Edition (Rollenspiel)

© Redaktion Phantastik

Die viktorianische Ära im Allgemeinen und Sherlock Holmes im Besonderen begeistern Fans schon seit vielen Jahren. Auch im Rollenspiel bietet sich diese Zeit regelrecht an, kann man doch, was Klischees und Abenteuer angeht, aus dem Vollen schöpfen und hat durch Serien wie „Ripper Street“ sogar interessante Fernsehserien vor Augen, die dem Zuschauer die passende Atmosphäre nahe bringen.

Schon seit Ende der 1980er Jahre bieten die Macher von „Private Eye“ die entsprechenden Vorlagen für interessierte Spieler. Erst als ambitioniertes Fan-Projekt, inzwischen als erfolgreiches Independent-“Pen & Paper“- Rollenspielsystem, dem vor allem eines wichtig ist – möglichst viel Spaß mit möglichst wenigen Regeln zu bieten.

INHALT
England, vor allem London, die Hauptstadt des Empires, scheint in den Jahren zwischen 1875 und 1895 ein wahrer Sündenpfuhl zu sein. Verbrechen aller Art sind an der Tagesordnung, Menschen werden ermordet und nicht selten kommen die Mörder davon oder die falschen Verdächtigen werden angeklagt und verurteilt.

Denn noch steckt die Verbrechensaufklärung in den Kinderschuhen, haben Ermittler und Gerichtsmediziner nur unzureichende Mittel, um heraus zu finden, wer die Tat begangen hat und ob jemand schuldig ist oder nicht.

Aber es gibt erstes Licht im Dunkel. Kluge Köpfe in der Wissenschaft entwickeln Methoden, mit denen der Tathergang und die Art des Todes viel besser bestimmt werden können. Neben der Möglichkeit Fingerabdrücke zu nehmen und zu vergleichen kommen mit der Zeit auch noch andere Möglichkeiten auf, Beweise und Indizien sprichwörtlich genauer unter die Lupe zu nehmen.

Und diese modernen Vorgehensweisen werden nicht zuletzt durch pfiffige Schriftsteller wie Arthur Conan Doyle angeregt, die die eigenwilligen und neuen Ermittlungsmethoden durch ihre Helden wie Sherlock Holmes populär und salonfähig machen.

Ob nun als Polizist oder Anwalt, als Freiberufler oder Mediziner, als Mann und Frau aus dem Volk und dem Adel – diejenigen, die sich der Kriminalistik widmen, bekommen viel zu tun, denn Angehörige und manchmal auch die Verdächtigen selbst wenden sich an private Ermittler, um nicht für etwas büßen zu müssen, was ihre Liebsten oder sie selbst nicht begangen haben. Und nicht immer sind die Fakten auf den ersten oder zweiten Blick klar – aber das macht die Fälle um so spannender und interessanter.

MEDIADETEN

…Autoren: Thilo Bayer, Jan Christoph Steines, Ulrike Pelchen, Sylvia Schlüter, Peter Schlauch, Andrea Wiechmann, Marin Lindner
…Illustrationen, Handouts und Karten: Sabine Weiss, Sylvia Schlüter, gemeinfreie zeitgenössische Illustrationen
…Cover: Manfred Escher
…Verlag: Redaktion Phantastik
…Format: gebunden
…Seiten: 256
…Erschienen: Oktober 2016
…ISBN: 978-3000529900
…Preis: 39,95 EUR

MEINE MEINUNG
„Private Eye“ kommt tatsächlich mit dem Regelbuch aus. In einem einzigen Buch liefern die Macher gleich die Regeln, die wichtigsten Informationen, die man für den Hintergrund braucht und ein einführendes Szenario, so dass man außer Würfeln und Kopien der Charakterblätter eigentlich sonst nicht viel benötigt, um los zu legen.

Die Mechanismen des Rollenspiels sind in weniger als einem Viertel des Buchs erklärt, denn sie beschränken sich auf die grundlegenden Dinge. Die Charaktererschaffung hilft dabei, seine Figur und deren Fähigkeiten ein wenig klarer auszuarbeiten, Proben erlauben einen gewissen Unsicherheit- und Glücksfaktor in das ganze Spiel einzubauen.

Es gibt ein paar plausible Rahmenbedingen, die eingehalten werden sollten, Fähigkeiten, die vermutlich am ehesten gebraucht werden, dem sozialen Hintergrund werden auch einige Punkte geschuldet und das war es auch schon. Auch Fertigkeitsproben und Kämpfe sind überschaubar einfach gehalten.

In erster Linie dreht sich das Spiel nämlich darum, in aktiver Interaktion mit den vom Spielleiter geführten Personen zu stehen, diesen die richtigen Fragen zu stellen, gezielte Untersuchungen an Tatorten und Objekten, die mit dem Verbrechen in Verbindung stehen, durchzuführen, und am ende durch eigene Denkleistung auf die Lösung zu kommen.

Das Ziel ist, dass der Spielleiter die Helden nicht nur gezielt durch das Geschehen führt, sondern auch in der Lage ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten und auf sie einzugehen.

Das bedeutet aber auch, dass er einiges an Arbeit in das Szenario hineinstecken muss und die Nichtspielerfiguren zum Teil mehr als reine Stichwortgeber sein sollten. Das fordert einiges an Vorbereitung und Notizen, um die passenden Informationen zur Stelle zu haben, gerade wenn die Helden einen anderen Weg als erwartet gehen.

Damit auch das Ambiente stimmt, sollten die Spieler sich vorher in die Materie einlesen und ein Gefühl für die zeit und ihre Einschränkungen bekommen. Denn mehr als heute sind soziale Abstammung und Geschlecht von Bedeutung – eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die für die Polizei arbeitet, wird weit weniger erst genommen als ein Gentleman aus Adelskreisen, der die Verbrechensaufklärung als Hobby betreibt.

Auch dafür finden sich im Buch übersichtliche Informationen, die nicht nur auf Geschichte und politische Lage, den Stand der Technik, des Verkehrswesens und der Wissenschaften eingehen, sondern auch auf gesellschaftliche Besonderheiten, die uns heute seltsam erscheinen mögen, gerade was Beschränkungen für weibliche Charaktere betrifft. Aber die Autoren machen auch immer wieder deutlich, dass es genügend Ausnahmen gibt und gab, die auch Spielerinnen genügend Freiheiten und Chancen erlauben.

Außerdem ist es der Gruppe ohnehin freigestellt, inwieweit sie historische Gegebenheiten berücksichtigt – „Private Eye“ ist kompatibel mit vielen Steampunk-Systemen, unterscheidet es sich doch eigentlich nur von diesen, dass phantastische Elemente ausgeklammert sind.

Die Erklärungen sind überschaubar gegliedert und leicht zu verstehen, daran merkt man, dass die Macher in den letzten Editionen und auch in dieser die Errata sauber ausgebügelt haben. Ein Einstiegsabenteuer ist ebenfalls vorhanden, das Neulingen ermöglicht, sich nach der Erstellung der Figuren gleich mit dem System vertraut zu machen ohne von zu vielen Details überfordert zu werden.

Dennoch sollte man sich nicht mit blutigen Anfängern an eine Spielrunde setzen, erfordert „Private Eye“, doch schon ein wenig Erfahrung im Tischrollenspiel. Vor allem der Spielleiter sollte sich bereit fühlen, die Hauptlast zu tragen, die Spieler selbst, sollten in der Lage sein, schon frei zu interagieren und sich nicht nur an Charakterwerte und Fähigkeitsproben zu klammern. Er muss einiges vorbereiten und zur Hand haben, damit er immer flexibel reagieren kann, was doch schon fortgeschritteneres Wissen und Übung im Handhaben von Nichtspielerfiguren verlangt.

Sind all diese Voraussetzungen halbwegs erfüllt, kann dem Spielspaß eigentlich nichts im Wege stehen – Spieler werden jedenfalls mit den neun Archetypen ihren Spaß haben können, die jederzeit abwandel- und weiterentwickelbar sind.

Wer die entsprechende Erfahrung hat, kann sich sogar entsprechende Kriminalromane zum Beispiel nehmen und zum Beispiel als Lord/Butler-Gespann oder als verwitwete Dame mit Gesellschafterin an ihrer Seite aktiv werden – vielleicht sogar als Gauner, der erkannt hat, dass es sich auf der Seite des Gesetzes viel angenehmer lebt und so Buße für seine Verbrechen tut, indem er oder sie die Methoden seiner ehemaligen Kumpel analysiert.

Zugleich ist es möglich, auch wichtigen Persönlichkeiten der Zeit zu begegnen, auch dafür bekommt der Spielleiter einige wichtige Informationen an die Hand mit denen er arbeiten kann. Aber mit zunehmender Erfahrung, die man sich auch hier erarbeiten kann, dürfte das immer leichter fallen. Nicht umsonst liefern die Macher auch hier die ein oder anderen Tipps.

Kurzum – das Spiel kann so vielseitig werden, wie man möchte, auch wenn dabei Magie und übernatürliche Elemente völlig ausgeklammert werden. Allerdings erlaubt auch das dann einen ganz anderen Umgang mit den Figuren als in anderen Genres.

„Private Eye“ ist nach wie vor eines der schönsten „Pen & Paper“-Rollenspiele, gerade wenn man großen Wert auf das reine Erzählspiel legt und auch einmal ohne Magie und übernatürliche Elemente auskommen möchte. Mit der richtigen Einstellung kann man Runden erschaffen, in denen in erster Linie das Ambiente und Zusammenspiel zählt und genau so spannend sein kann wie reine Action-Games. Allerdings sollte man schon eine gewisse Spielerfahrung und – übung mitbringen, um auch ohne strenge Regeln und Führung durch den Spielleiter aktiv zu werden und frei zu agieren.

MEINE WERTUNG
4,75 von 5 Detektiven

von: Kris

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