[Rezension] Die Reisen des Herrn Baldassare

Autor: Amin Maalouf
Verlag: insel taschenbuch
Format: Taschenbuch
Seitewnzahl: 482
Erschienen: 2014
ISBN 13: 978-3-458-36005-6

von: Moritz

Hui! Mein Vater hat das Buch auf meinem Rezistapel entdeckt und sich sofort angemeldet, dass er es gerne lesen würde, wenn ich durch bin. Dabei liest er doch sonst nur knackige Thriller oder aber „richtige Literatur“. Sollte das für den Herrn Baldassare etwas zu bedeuten haben, denn der Klappentext verheißt nicht gerade den knackigen Thriller…?

Klappentext:
Europa, am Vorabend des Jahres 1666. Es sind furchterfüllte Zeiten, das »Jahr der Apokalypse« steht bevor. Inmitten der Unruhe macht der Antiquar und Kuriositätenhändler Baldassare gute Geschäfte, besonders mit einem geheimnisvollen Buch, das ihm in die Hände fällt. Doch erst als er es längst verkauft hat, wird ihm die eigentliche Bedeutung des Buches klar. Er setzt alles daran, das Buch zurückzubekommen, und begibt sich auf die abenteuerliche Suche: über Tripolis nach Smyrna und Konstantinopel, nach Genua, Lissabon und London, wo ein verheerender Brand tatsächlich das Ende der Welt anzukündigen scheint …

Die Story:
Baldassare, ein Buchhändler aus Gibelet mit genuesischen Wurzeln, gelangt in den Besitz eines Buches, das seinem Leser den hundertsten Namen Gottes verrät. Sollte es diesen Namen tatsächlich geben, so wäre es ein unermesslicher Schatz in einer Zeit, in der die Apokalypse im „Jahr des Tieres“ kurz bevorsteht.
Der Roman schildert in Form eines Tagebuches-Schrägstrich-Reiseberichts wie Baldassare sich aufmacht, um wieder in den Besitz des Buches zu gelangen, das er dämlicherweise noch am Abend, an dem er es als Geschenk erhält, weiterverkauft.
Die Reise führt ihn mit wechselnden Gefährten über Kontantinopel und Genua nach London, bis er schließlich am Vorabend des Weltuntergangs wieder in Genua, der Stadt seiner Ahnen landet…

Das Setting:
Grandios und wortgewaltig schildert Maalouf – brutal konsequent durch die Augen des Baldassare – die Welt des Jahres 1666, sei es im Orient, in Genua oder in London. Baldassare, das Fenster, durch das wir die Welt betrachten, steht der Weltuntergangshysterie, die gerade von Moskau kommend über die bekannte Welt hereinbricht, eigentlich eher skeptisch gegenüber, aber auch er lässt sich von seiner Umgebung anstecken und sieht immer wieder Zeichen, die auf ein baldiges Ende hindeuten. Der große Brand von London, den er auf dem Dachboden einer Kneipe in der ersten Reihe verfolgen kann, dient verständlicherweise nicht dazu, seine ursprüngliche Skepsis zu stärken.
Eine wirklich tolle Schilderung der Welt am (vermeintlichen) Abgrund. Respekt. Wenn ich so schreiben könnte, wäre meine Haus schon lange abbezahlt. Man merkt an jedem einzelnen Wort, dass der Kerl genau weiß, wovon er schreibt und ich bin etwas betrübt, dass ich nicht zuerst im französischen Original auf Maalouf gestoßen bin. Die Übersetzung ist absolut klasse, da gibt es kein Vertun, aber ich denke im Französischen rockt das noch viel gewaltiger. Glücklicherweise hat er noch mehr Romane geschrieben, da werde ich gleich mal nachsehen, was ich so in die Finger bekommen kann.

Die Charaktere:
Baldassare ist der einzige Charakter, der den Leser von Anfang bis Ende des Buches begleitet und der Kerl ist wirklich so voller Probleme, Freuden, Widersprüche, Hoffnungen,… dass sich wohl jeder in ihm wiederfinden wird. Okay, als Mann in seinen Vierzigern mit Bauchansatz hat er natürlich meine persönliche Sympathie, aber ich denke er ist so unglaublich menschlich,dass nicht nur ich ihn verstehen werde.
Zu Beginn seine seine beiden Neffen und sein Diener noch wichtige Personen, aber sie verschwinden zur Hälfte der Erzählung und tauchen auch nicht wieder auf, wobei gerade der Spitzklicker (Haha! Libre Office kennt das Wort nicht, da ist es wirklich an der Zeit es dem Wörterbuch hinzuzufügen.) und der zurückgezogene Eiferer wirklich interessant sind. Schade, die hätte ich gerne später wieder angetroffen.

An wichtigen Frauen spielt vor allem Marta eine Rolle, die Gibelet kurz vor Baldassare verlässt und sich wenig später auf eine außereheliche Liaison mit ihm einlässt, bevor sie ihren Ehemann wiedertrifft, der sie vor langer Zeit verlassen hat und unter mysteriösen (zumindest für Baldassare) Umständen bei ihm bleibt, anstatt mit Baldassare zurück in die Heimat zu gehen.
In der Retrospektive unseres Tagebuchschreibers ist allerdings die Kneipenwirtin Bess noch wichtiger, die ihm in der Fremde das Gefühl gibt willkommen und geliebt zu sein.
Mal ganz zu schweigen von Giacominetta, der 14-jährigen Tochter des genuesischen Freundes Gregorio, die Baldassare in Kürze heiraten wird, wenn die Welt bis dahin nicht untergegangen ist.

Mein Fazit:
Faszinierend. Punkt.
Der Roman liegt eigentlich meilenweit von meiner Komfortzone entfernt, aber ich habe ihn durchgehend mit großem Vergnügen gelesen. Der Star ist neben dem sympathischen Baldassare aber ganz klar das Jahr 1666, das ihm so oft die Schau stiehlt.

Meine Wertung:
5 von 5 Namen Gottes

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One Response to [Rezension] Die Reisen des Herrn Baldassare

  1. ghoul sagt:

    Ja, ein geniales Buch von einem genialen Autoren.

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