[Vorstellung] Die Brennenden Buchstaben und das Kafé KrümelKram

Virtuelle Welten faszinieren Gamer und kommunikationsfreudige Chatter. Aber warum werden sie so gut wie gar nicht für Literaturevents wie Lesungen oder Theaterstücke benutzt? Das war die Frage, die wir uns schon vor rund vier Jahren gestellt haben. Wir, das sind die Brennenden Buchstaben, eine Gruppe, die sich darauf spezialisiert hat, SecondLife und OpenSims als Plattform für Kulturveranstaltungen zu nutzen.

BukTom Bloch

BukTom Bloch

Kirsten Riehl hat das Projekt im Jahr 2007 gestartet. Sie schreibt:

Fasziniert von den Möglichkeiten des Internets stieß ich 2007 auf die 3D-Welt Second Life. Dort konnte man Gegenstände erstellen, mit seinem Avatar fliegen, und natürlich auch – ganz klassisch – chatten. Meine große Liebe gilt der Literatur. Als Germanistin wollte ich natürlich wissen, welche Möglichkeiten Second Life da bereit hält. Ich fand vor allem englischsprachige Gruppen, die mit Lesungen und Autoreninterviews aktiv waren. Auf dem deutschsprachigen Sektor tat sich zu meiner großen Verwunderung nichts. 2008 gründete ich die Gruppe Brennende Buchstaben. Meine Idee war es, die deutschsprachigen User zusammenzubringen und gute Unterhaltung anzubieten. Die Wege zu Lesungsorten lagen nur einen Mausklick entfernt, was bedeutete, dass die Welt zu einem Dorf schrumpfen müsste. Im Juni 2008 sprach ich alle aktiven Second-Life-User an, von denen ich wusste, dass sie schriftstellerisch aktiv waren, um sie zu einer gemeinsamen Lesung zu versammeln. Ich bekam nicht eine Absage.

Angestachelt von diesem ersten Erfolg fuhr ich fort, Lesungen zu organisieren. Mittlerweile haben wir die Second-Life-Gruppe auf Facebook und Twitter ausgedehnt, sodass unsere Einladungen über mehrere Kanäle laufen. Zusammen mit Thorsten Küper, der 2009 zu den Brennenden Buchstaben kam, setzen wir die Lesungen fort, manchmal zu einem Thema oder nach Genre ausgewählt.

702692_4144642611102_2130793911_nUnd das „First Life“ wird darüber keinesfalls vergessen. Wir haben Events ins Leben gerufen, die beide Welten verbinden. So lesen die Autoren und Autorinnen auf einer realen Bühne, das Ganze wird nach Second Life übertragen und ergänzt um VorleserInnen, die ausschließlich im Internet zugeschaltet sind und wiederum dem realen Publikum präsentiert werden.

Der Zugang ist dabei denkbar einfach. Man benötigt einen Rechner, eine Internetverbindung und die kostenlose Software Second Life. Nach dem Download kann man sich anmelden, Man gibt eine gültige E-Mail-Adresse an, wählt einen Nicknamen, bestätigt die Anmeldung per Mail und kann einloggen. Zum „Konsumieren“ – also zum passiven Besuch einer Lesung – reicht es, wenn man den Ton anstellt, sich zurücklehnt und zuhört. Zum Vorlesen ist ein Headset günstig, weil es störende Nebengeräusche reduziert.

In den Jahren, in denen ich nun in Second Life aktiv bin, habe ich mit sehr vielen Menschen gechattet und Lebensgeschichten erfahren, Es gibt viele, die aufgrund von Krankheit oder Behinderung oder wegen pflegebedürftiger Angehöriger das Haus gar nicht oder selten verlassen können. Für diese Zielgruppe ist Kultur in einer 3D-Umgebung eine wunderbare Erfahrung und Bereicherung. Aber auch die Möglichkeit, die Welt zu verbinden, ist großartig. Es spielt keine Rolle, ob die Autoren und Autorinnen aus Bern, aus Wien oder Berlin kommen, ob sie gerade in Kamerun im Hotel sind oder in New York wohnen, ob das Publikum sich aus Düsseldorf oder aus Kopenhagen zuschaltet.

Wir sind sehr flexibel, was unsere Auftrittsorte betrifft. In einer frei veränderbaren Umgebung ist man nicht an bestimmte Lokalitäten gebunden. Man kann sich eine Bühne, ein Lesezimmer, einen Hörsaal oder eine Arena aufbauen, wo auch immer man sie gerade haben möchte.

Die virtuellen Ableger größer Städte wie Köln oder München bemühen sich darum, ihren Besuchern und Bewohnern ein Kulturprogramm zu bieten. Deshalb tingeln wir mit unseren Events durchs Metaversum. Manchmal wechseln wir die Standorte sogar während der Veranstaltung, wie zuletzt bei der Weltuntergangslesung am 21. Dezember mit Thomas Thiemeyer, Marcus Hammerschmidt, Frederic Brake, Michael Marrak und Michael Iwoleit, die über drei Locations gewandert ist. In einer Welt, in der jeder teleportieren kann, bietet sich das an.

Bei unserem großen Festival der Liebe, das wir seit 2011 in jedem Oktober veranstalten, haben wir das auf die Spitze getrieben. Das FdL findet jeweils von Freitag bis Sonntag statt und in dieser Zeit springen wir zwischen einem guten Dutzend Locations hin und her. Die Zuschauer können den Ablaufplan inworld auf Notecards und im Web auf einer Internetseite einsehen, außerdem schicken wir über die Gruppe die jeweils aktuelle Landmarke. Die Erfahrung zeigt, dass unser Publikum dem Programm mühelos folgen kann und sich nicht aufreibt, wie wir es zuerst befürchtet hatten. Beim FdL konnte man in diesem Jahr Auftritte und Ausstellungen von mehr als 70 Künstlern, Musikern und Autoren erleben. Darunter Martin Barkawitz, Krimiautor Oliver Buslau, Blogger Alex Jahnke vom Clockworker und viele andere.

Es ist schwer, der Versuchung zu widerstehen, sich selbst eine eigene Wunschlocation zu basteln. Wir haben damit im Jahr 2010 begonnen und das Kafè KrümelKram auf Ataria gebaut. Ursprünglich ein kleines Gebäude auf einem Felsen im Meer hat es mittlerweile die Größe und Form einer Werkshalle, in der es mehrere Lesezimmer auf drei Ebenen gibt.

Das KrümelKram sollte von Anfang an aussehen wie eine wilde Mischung aus Fabrik, Studentenkneipe, viktorianischem Rauchersalon, Bibliothek und Nerdmuseum. Besonders großen Wert legen wir auf einen gewissen Steampunk Look. Kleine Zeppeline, Seeungeheuer im Eisenaquarium, Lokomotiven, Globen und Raketen neben hohen Buchregalen, Fleisch fressenden Pflanzen, Gehirnen in Gläsern, Zeitmaschinenmodellen und Dampfrobotern.

Wir bemühen uns, immer wieder bekannte Autoren für Lesungen im Metaversum zu gewinnen. Mittlerweile waren fast 50 Schriftsteller bei uns zu Gast, darunter im letzten Jahr bekannte Namen wie Karl Olsberg, Siegfried Langer, Arno Strobel oder Thomas Thiemeyer.

566057_4144642691104_202903136_nNatürlich nutzen wir die Gelegenheit jedes Mal zu einem Interview, aber auch das Publikum kann mit dem Autor ins Gespräch kommen. Kein Ersatz für eine echte Lesung, aber eine gute Alternative, wenn man in Flensburg den Auftritt eines Schriftstellers aus Frankfurt erleben möchte.

Was uns an dem Projekt wahrscheinlich besonders fesselt, ist die Möglichkeit praktisch alle unsere Interessen und Leidenschaften miteinander kombinieren zu können. Das Faible für virtuelle Welten, für Literatur, für Kunst, fürs Bloggen und fürs Schreiben, denn wir lesen natürlich auch oft unsere Texte oder bringen Comedy- und Kabarettprogramme auf die Bühne.

Unser Hauptaugemerk liegt jetzt auf Projekten, bei denen reale und virtuelle Veranstaltungen kombiniert werden. Lesungen die auf der echten Holzbühne stattfinden, die aber auch zu einem Publikum in SecondLife übertragen werden.

Das haben wir im letzten Sommer in Duisburg im Parkhaus mit unserem Bücherpicknick zum ersten Mal versucht. SecondLifer hatten so die Chance bei einem „echten“ Event mit dabei zu sein, während das Real-Publikum die anwesenden Avatare per Beamer auf der Bühne beobachten konnte.

In dieser Richtung wollen wir im kommenden Jahr noch mehr experimentieren.

Die Besucherzahlen steigen und mittlerweile werden deutlich mehr Events dieser Art im deutschsprachigen SecondLife angeboten. Waren es früher ein oder zwei Lesungen in einem halben Jahr, sind es mittlerweile mehrere im Monat. Es gibt also Interesse an kulturellen Angeboten. Der 3D Chat findet heraus, dass er mehr kann, als nur ein Chatroom zu sein.

Wir würden uns freuen, wenn ihr mal reinschaut. Ihr benötigt dazu lediglich einen SecondLife Viewer – es gibt mittlerweile sehr viele unabhängige Clients, man muss nicht das hauseigene Produkt von LindenLabs benutzen – , Kosten fallen keine an.

Das KrümelKram findet ihr unter dieser SLURL: http://slurl.com/secondlife/Ataria/56/160/23

YouTube Mitschnitt einer Lesung

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